Brasilien – Eine Obdachlose rettet das Mörderschloss

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BrasilienEine Obdachlose rettet das Mörderschloss

Nach dem gewaltsamen Tod der Besitzer stand das Mörderschloss in São Paulo lange leer. Eine obdachlose Frau setzt sich für die Rettung ein.

Am 12. Mai 1937 fand Elza Lengfelder, die Haushälterin einer reichen Familie in São Paulo, die Witwe und die beiden Söhne des verstorbenen Patriarchen im Wohnzimmer. Es war der Beginn eines Mysteriums und das Ende des Schlosses – bis eine obdachlose Brasilianerin sich für das Bauwerk einsetzte.

Ein französisches Schloss in São Paulo

Die Geschichte begann um 1910. Die reichen Familien São Paulos bauten sich Häuser rund um die Sé, die erste Kirche des Ortes. Eine dieser Familien war die von Dr. Virgílio Cézar dos Reis. Er entschied sich für Santa Efigênia, eines der elegantesten Viertel der Stadt.

1912 beauftragte der Arzt französische Architekten mit dem Bau eines Hauses, das optisch an ein mittelalterliches Schloss erinnern sollte. Es war ein Geschenk für seine Frau, Maria Cândida Guimarães dos Reis. Fünf Jahre später war das 700-Quadratmeter-Haus fertiggestellt: mit Marmortreppen, indischen Teppichen und luxuriösen Details. Es wurde als Castelinho da Rua Apa (kleines Schloss der Apa-Straße) bekannt.

Tod des Familienoberhaupts

Dr. Virgílio und Maria hatten zwei Söhne: Alvaro, ein extrovertierter Anwalt, der auch als Schürzenjäger bekannt war, und sein jüngerer Bruder Armando, ebenfalls Anwalt, aber eher zurückgezogen und schüchtern. Unterschiedlicher hätten die Brüder nicht sein können.

1937 starb der Vater der beiden und hinterließ ihnen, neben dem Haus, auch noch ein Kino. Alvaro, der gerade aus Frankreich zurückgekehrt war, hatte Visionen: Das Kino sollte ein Eispark werden, in dem die Leute Schlittschuh laufen können. Armando war vehement dagegen.

Mysteriöse Morde

Es sollte keine Zeit bleiben, diese Meinungsverschiedenheit zu lösen: Zwei Monate nach dem Tod von Dr. Virgílio fand seine Familie einen gewaltsamen Tod. Ein ganzes Jahr nach der Bluttat präsentierten die brasilianischen Behörden ihre Theorie: Die Brüder hatten Streit und erschossen dabei versehentlich ihre Mutter. Alvaro bekam Angst, erschoss seinen Bruder und dann sich selbst.

Diese Theorie hat aber einige Haken: Es wurden unter anderem unterschiedliche Kugeln in den Körpern der Opfer gefunden – nur eine stammt aus Alvaros Waffe. Alvaro, der angebliche Selbstmörder, hatte außerdem zwei Kugeln in der Brust. Maria, die Mutter, wurde sogar von vier Kugeln getroffen, was ein Versehen eher unwahrscheinlich macht.

Keine Erben, kein Interesse

Trotz dieser offensichtlichen Ungereimtheiten betrachtete die brasilianische Polizei den Fall als gelöst. Nach damaligem brasilianischem Recht konnten Tanten oder Cousins nicht erben, das Haus fiel der Stadt zu – und die hatte wenig bis gar kein Interesse daran, das Mörderschloss in Stand zu halten.

Das Schloss wurde schnell zum Fokus diverser urbaner Legenden. Spuken soll es dort, und am 12. Mai könne man die Schreie der Verstorbenen hören. Ein brasilianischer Horror-Regisseur hatte während eines Filmdrehs im Schloss einen Unfall, was die Gerüchte weiter anfachte.

Das hippe Viertel wurde zum Drogensumpf

Auch wenn es nicht spukt: Unter einem guten Stern stand das Mörderschloss wohl nie. Das elegante Viertel von einst wich in den 80ern einer Drogenhölle, bekannt als Cracolândia (Crackland). Hunderte von Süchtigen und Prostituierten lebten und konsumierten in der direkten Nachbarschaft des einst so luxuriösen Anwesens.

Von dort kommt nun aber auch Hilfe: Maria Eulina war eine der Obdachlosen in der Nachbarschaft – zwar nicht drogensüchtig, aber trotzdem an einem Tiefpunkt. Als sie ihr Leben in den 90er-Jahren langsam wieder in den Griff bekam, beschloss sie, auch dem Mörderschloss wieder auf die Füsse zu helfen.

Jahrelange Abklärungen zeigen Früchte

1990 reichte Maria Eulina einen Antrag ein, das Mörderschloss unter Denkmalschutz zu stellen – ohne Erfolg. Die ehemalige Obdachlose gab aber nicht auf und bekam 1997 die Bewilligung, das Gebäude für eine Organisation (Clube das Mães, Club der Mütter) zu nutzen. 2004 kam der Durchbruch: Die brasilianische Regierung erklärte das Haus für denkmalgeschützt.

2007 wurden Pläne für eine Renovation bewilligt. Es sollte aber weiter dauern: Erst 2015 bekam Maria auch die Bewilligung, Geld zu sammeln. Die Renovation wird ungefähr 5 Millionen Real (rund 1,5 Millionen Euro) kosten. In der Zwischenzeit nutzt Marias Organisation weiterhin die Hinterräume: Dort zeigen sie Obdachlosen, wie sie aus Abfällen Taschen und Dekoration herstellen.

Die Renovation begann Anfang 2016 und ist inzwischen beendet, das Schloss kann besucht werden.

(L'essentiel)

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