Am Tannen-Stand – «Einen echten Christbaum kauft keiner mehr»
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Am Tannen-Stand«Einen echten Christbaum kauft keiner mehr»

LUXEMBURG - Wenn einer weiß, welche Tannen in unseren Wohnzimmern zu Weihnachten stehen, dann ist es Pit. Seit 22 Jahren verkauft der Luxemburger das wohl wichtigste Weihnachts-Accessoire.

Nähert sich ein Käufer dem Christbaum-Stand auf dem Parkplatz an der Kirche in Hollerich, weiß Pit schon, welchen Christbaum er sich aussuchen wird. «Eigentlich ist das einfach», meint der Verkäufer. Seit 22 Jahren bringt der Luxemburger vier Wochen vor Weihnachten Bäumchen an den Mann. Viel reden muss er dabei nicht.

«Die meisten Leute nehmen eh eine Nordmann. Einen richtigen Christbaum kauft doch keiner mehr.» Traditionell steht in Luxemburg eine Rotfichte geschmückt im Wohnzimmer. «Aber die habe ich schon seit vier, fünf Jahren nicht mehr im Angebot.» Ihr Nachteil: Sie nadelt und klebt vor Harz, die saubere Nordmanntanne überzeugt die praktische Hausfrau da eher.

«Ein Tannenbaum ist ja quasi Luxus»

Dass Pit genau weiß, wer welchen Baum kauf, liegt auch an seiner Kundschaft: «Fast drei Viertel der Leute kommen jedes Jahr.» Aber einige bleiben in den letzten Jahren aus. «Die Firmen aus dem Viertel kamen immer und bleiben jetzt weg. Wie alle Geschäftsleute, merken wir die Krise. Das Geld sitzt nicht mehr so locker in der Tasche wie noch vor zehn Jahren. Ein Tannenbaum ist ja quasi Luxus», meint der Verkäufer. «Ich kann schon verstehen, wenn jemand seine 50 Euro lieber in einen Essenseinkauf investiert als in eine Tanne.»

Der Rentner Pit macht den Job als Verkäufer ebenfalls für ein «Nikolausgeld», wie er die zusätzlichen Einnahmen nennt. Und das immer noch bei dem Familienbetrieb, der im Winter die meisten der Christbaum-Stände in der Hauptstadt betreibt und im Sommer Karussells und Bonbonbuden auf den Rummeln des Landes aufstellt.

Bio-Baum? Pit winkt ab

Kein Verständnis hat der «Beemchen»-Kenner übrigens für diejenigen, die den Baum bei seiner Konkurrenz im Baumarkt kaufen. «Natürlich ist das dort billiger, aber die Qualität ist mies.» Denn der Kenner sieht, was dem weihnachtlich Beduselten beim Singen nicht mehr so auffällt, wenn der Baum längst mit Kunstschnee eingesprüht und hinter Girlanden und Lametta versteckt ist: «Es ist wichtig, dass so ein Baum gut geputzt wird. Sonst kriegt er braune Spitzen», weiß Pit. Deshalb ist sein Job auch nichts für Jedermann: «Viele junge Burschen meinen, man könnte sich hier in den Wohnwagen setzen und schon verkauft sich so eine Tanne, aber die Bäumchen brauchen auch Pflege.»

Eine Geschichte über Pflege bekommt auch aufgetischt, wer sich nach einem Bio-Baum erkundigt: «Ach wissen Sie, wir haben das mal getestet und Schafe rund um die Bäume grasen lassen.» Pit winkt ab: «Und dann hatten wir zu viele Schafe.» Überzeugend klingt das für einen Käufer nicht.

An der Wahl des Verkäufers kann sich der Kunde übrigens nicht orientieren: Pit hat schon seit Jahren keinen Christbaum mehr, gibt er zu. «Das ist wie mit einem Frittenverkäufer, der isst zuhause auch keine Fritten mehr, wenn er den ganzen Tag an der Friteuse stand.»

(sb/L'essentiel Online)

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