Haiti nach dem Erdbeben – «Einige NGOs nutzen die Situation aus»

Publiziert

Haiti nach dem Erdbeben«Einige NGOs nutzen die Situation aus»

LUXEMBURG - Ein schweres Erdbeben hat vor knapp zwei Jahren Haiti erschüttert. Der Luxemburger Max Lamesch erzählt, wie die Menschen mit den Folgen der Katastrophe klarkommen.

Die Menschen in Haiti leben noch zum größten Teil in Zelten, hier Übergangsunterkünfte im SOS-Kinderdorf in Port-au-Prince.

Die Menschen in Haiti leben noch zum größten Teil in Zelten, hier Übergangsunterkünfte im SOS-Kinderdorf in Port-au-Prince.

DPA

L'essentiel Online: Was hat sich seit dem Erdbeben getan?
Max Lamesch, der in Haiti das Projekt von SOS Kinderdorf betreut: Wenn man durch die Stadt fährt, hat man das Gefühl, dass sich seit dem Erdbeben nur wenig getan hat. Aber die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) haben sehr viel geleistet. Wir sind gerade in einer Übergangsphase. Die Menschen leben noch zum größten Teil in Zelten. Ihre Lage verbessert sich langsam. Im Juli 2010 waren noch 1,5 Millionen Menschen in Zeltlagern untergebracht. Im Dezember 2011 hat sich diese Zahl auf 500 000 verringert. Die ersten Leidtragenden sind natürlich die Kinder. Doch auch die Älteren trifft es hart, das wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft verkannt.

Ist der Staat in Haiti in der Lage, dem Land zu helfen?
Der Staat kommt erst langsam, um es vorsichtig auszudrücken, aus einer politischen Krise heraus. Der neue Präsident ist sehr präsent und hat viele Ideen. Die Jugend unterstützt ihn. Die Lage ist, für haitianische Verhältnisse, ruhig und stabil.

Wie werden Sie und Ihre Arbeit von der Bevölkerung wahrgenommen?
Als Weißer wird man in Haiti nie ganz akzeptiert. Unsere Arbeit können die Menschen zwar richtig einschätzen, man muss aber klar sagen, dass man als Weißer gewisse Viertel von Port-au-Prince zur eigenen Sicherheit meiden sollte.

Ist man unter solchen Umständen überhaupt motiviert zu helfen?
Ich habe gerade eine längere Frustphase überwunden. Aber in letzter Zeit gelingen uns Projekte, die sehr motivierend sind. So zum Beispiel die Nachbarschaftsschule. Lehrer sind dort die Eltern. Und andere Eltern bezahlen sie in Naturalien. Wir konnten hier Einiges bewegen und sogar ein Schulgebäude bauen lassen, damit die Kinder nicht mehr bei 60 Grad Hitze in Zelten lernen müssen.

Wie groß ist die psychische Belastung für Sie als Helfer?
Ich sehe zwar keine Leute sterben, aber um die tägliche Misere kommt man einfach nicht herum. Strom zum Beispiel haben nur die wenigsten, vielleicht fünf Prozent der Bevölkerung. Zugang zu sauberem Wasser haben nur 20 bis 30 Prozent der Menschen in Haiti. Aber ein Handy hat fast jeder. Wir haben rund 400 haitianische Mitarbeiter, die uns unterstützen, da bekommt man schon viele Einblicke. Und auch wenn ich noch längst nicht alles in diesem Land verstanden habe, lieben gelernt habe ich es auf jeden Fall.

Wie sind die Aussichten für Haiti?
Sie werden es schaffen, aber es wird noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Es ist schlimm mit ansehen zu müssen wie sogar NGOs die Bevölkerung missbrauchen. Einige, deren Träger von religiösen Gründen bewegt werden, nutzen die Situation aus und versuchen den Menschen Weis zu machen, das ihre Sünden die Naturkatastrophen provoziert haben. Dass das Erdbeben eine Strafe Gottes war.

Chris Mathieu/L'essentiel Online

SOS Kinderdorf in Haiti

Max Lamesch (Foto) aus Esch-sur-Alzette ist 31 Jahre alt und arbeitet seit September 2010 als Projektleiter von SOS Kinderdorf in Haiti.

Das Erdbeben vom 12. Januar 2010 hat rund 250 000 Menschenleben in Haiti gefordert.

Deine Meinung