Mordserie in Toulouse – Einzeltäter, kaltblütig, organisiert

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Mordserie in ToulouseEinzeltäter, kaltblütig, organisiert

Frankreich sucht fieberhaft den Roller-Killer von Toulouse. Profiler arbeiten am Täterbild. Experten gehen davon aus, dass es sich nicht um einen Profi handelt.

Bei den tödlichen Schüssen vor einer jüdischen Schule in Toulouse vom Montag ist nach Angaben der französischen Polizei dieselbe Waffe benutzt worden wie bei zwei Anschlägen auf Soldaten in der vergangenen Woche. Das führte schon wenige Stunden nach dem Attentat zu einer wichtigen Erkenntnis: Es ist ein einziger Mörder, der offenbar eine blutige Spur durch den Südwesten Frankreichs zieht.

Inzwischen hat sich das Profil des Täters verfeinert. Die französische Kriminologin und Profilerin Sylvianne Spitzer glaubt, es handle sich «um eine geplante Tat, von einem einzigen Mann durchgeführt», der sehr genau an seiner «Unterschrift» gearbeitet habe. «Er benutzt immer denselben Helm und fährt immer mit demselben Roller. Er zieht seine Waffe und trifft seine Ziele», sagt die Expertin im Interview. Aufgrund der hohen Präzision seiner Schüsse wirke der Killer «fast professionell». Seine Technik sei ähnlich wie die von Auftragsmördern, fügt Spitzer hinzu.

Sind die Morde ein Rache-Akt?

Die Ballistik-Experten der Polizei sind der gleichen Meinung wie Spitzer: Im Interview mit der Tageszeitung «Le Figaro» zeigten sie sich allerdings überrascht, dass der Killer bei der Schiesserei am Montag zwei Waffen verschiedener Kaliber benutzt habe. Nachdem die erste Waffe geklemmt hatte, holte der Mörder eine zweite heraus. «Das ist sehr wahrscheinlich kein Profi.»

Die Ermittler untersuchen zudem eine heiße Spur rund um die Mordanschläge auf die drei Soldaten von Montauban. Zwei der Ermordeten gehörten dem 17. Regiment der Fallschirmjäger an, das im Jahr 2008 in die Schlagzeilen geriet. Damals war eine Affäre um drei Soldaten aufgeflogen, die sich mit Neonazi-Parolen bemerkbar gemacht hatten und von einem Mitglied des Regiments denunziert worden waren. Die französische Zeitschrift «Le Point» hatte die drei Schuldigen ausfindig gemacht und ein Bild veröffentlicht, auf dem sie vor einer Nazi-Fahne posierten.

Kaltblütig und organisiert

Profilerin Sylvianne Spitzer kann derzeit zum Tötungsmotiv wenig sagen. Sie weiß aber: «Es ist jemand, der stark berühren wollte. Ich glaube nicht, dass es unbedingt etwas Persönliches ist.» Der Zeitpunkt – vier Wochen vor den Präsidentschaftswahlen – ist allerdings nicht zufällig gewählt worden, meint Spitzer. Dass außerdem bald der 50. Jahrestag der Beendigung des Algerienkriegs gefeiert wird, lässt ebenfalls vermuten, dass das Datum festgelegt war.

Spitzer glaubt nicht, dass man «von einem verrückten Killer oder einem Psychopathen mit einer Bereitschaft zu töten» reden kann, der im «Delirium einen Sündenbock sucht». Der Psychiater Gérard Lopez geht mit Spitzers Meinung in diesem Punkt einig. «Der Mörder scheint sehr organisiert und sehr kaltblütig zu sein», sagt er im Interview mit «L’Express». Es sei mit grosser Wahrscheinlichkeit «kein Psychotiker». Ein Verrückter oder «ein Schizophrener, der Stimmen hört, die ihn auffordern zu töten, würde nie so zielsicher handeln», behauptet Lopez.

Einzig, dass «er antisozial, kaltblütig, unbarmherzig und ohne Reue tötet», könnte doch dafür sprechen, dass man es mit einem Psychopathen zu tun hat, meint der Experte zum Schluss. Auch Profilerin Spitzer erwähnt den Begriff «Spree Killer» - ein Mörder, der an verschiedenen Orten gezielt schiesst – um den Täter zu beschreiben.

Der Täter wartet darauf, dass die Medien sich mit ihm beschäftigen

Eine ganz andere Position vertreten hingegen zwei Psychiater, die die französische Zeitung «Le Figaro» befragte: Beide gaben an, dass es sich in Toulouse um einen «Massenmörder wie Anders Breivik» handle, der vergangenen Sommer in Oslo ein Blutbad angerichtet hat. «Bei dieser Art von Terroranschlägen, die auf einen einzelnen Täter reduziert sind, wird der Mörder zum Instrument seiner eigenen Überzeugung», meint dabei der Psychiater Roland Coutanceau.

Sylvianne Spitzer sieht zudem eine «Weiterentwicklung im Handlungsmodus» des Täters. Die ersten zwei Schießereien seien eine Art Probelauf gewesen. Mit der Zeit sei der Mörder jedoch tapferer geworden. «Er nahm größere Risiken in Kauf, verfolgte Kinder auf dem Schulweg», sagt die Kriminologin. Dieses Verhalten könnte ihn dazu bringen, sich zu rechtfertigen. «Ich kann mir vorstellen, dass er weitermachen wird. Seine Taktik ist erfolgreich und es macht ihm Spass», sagt sie. Der Attentäter spiele nun mit den Medien und der Polizei. Er habe auf nichts anderes gewartet, als «dass wir über ihn reden».

(L'essentiel online/kle )

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