Tanzverbot in Deutschland – Ekstase zum «Hasenfest» ist unerwünscht
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Tanzverbot in DeutschlandEkstase zum «Hasenfest» ist unerwünscht

Zwischen Gründonnerstag und Ostersonntag gilt in Deutschland wieder Tanzverbot. Das «Gesetz über den Schutz der Sonn- und Feiertage» ist jedoch seit Jahren alles andere als unumstritten.

«Der Tanz ist ein Kreis, dessen Mittelpunkt der Teufel ist» soll Kirchenvater Augustinus (353-430) geschrieben haben. Noch bis ins 17. Jahrhundert erschienen Schmähschriften von Klerikern, die Tanzen als Teil der Teufelsanbetung ansahen. Neben Sex-Appeal und Zauberei war Tanz ein Indiz, an dem man eine Hexe erkannte.

«Der Tanz ist ein Kreis, dessen Mittelpunkt der Teufel ist» soll Kirchenvater Augustinus (353-430) geschrieben haben. Noch bis ins 17. Jahrhundert erschienen Schmähschriften von Klerikern, die Tanzen als Teil der Teufelsanbetung ansahen. Neben Sex-Appeal und Zauberei war Tanz ein Indiz, an dem man eine Hexe erkannte.

DPA

Die euphorisierende bis ekstatische Wirkung des Tanzes war nicht erst der christlichen Kirche suspekt. «Niemand tanzt, wenn er nüchtern ist, es sei denn, er sei wahnsinnig», urteilte der römische Staatsmann und Philosoph Cicero schon im 1. Jh. vor Christus.

Um 800 verbot Karl der Große Tanzen allgemein. Die Leute aber ließen es sich nicht nehmen, und so akzeptierte es die Kirche im Mittelalter als notwendiges Übel.

Tanzverbot immer noch zeitgemäß?

Anders als 2012 in Deutschland. Denn wer ab heute früh 4 Uhr eine «öffentliche Tanzveranstaltung» organisiert, riskiert ein Bußgeld. Der umstrittene Paragraf 8 des «Landesgesetzes über den Schutz der Sonn- und Feiertage» vom 15. Juli 1970 verbietet solch frivoles Treiben zwischen Gründonnerstag und Ostersonntag schlichtweg ganz. Ebenso in Rheinland-Pfalz, wie im Saarland und sogar in der deutschen Feier-Hauptstadt Berlin - auch wenn das Gesetz hier offenbar etwas lockerer durchgesetzt wird.

Toleranz als Einbahnstraße?

Die grundlegende Argumentation hinter dem Verbot ist nach wie vor die gleiche wie vor 1 200 Jahren. Es gilt, Rücksicht auf die Empfindungen christlich-religiöser Menschen zu nehmen, welche sich an dem höchsten Feiertage der Protestanten (Karfreitag) und der Katholiken (Ostern) durch das hedonistische Tanzvergnügen ihrer möglicherweise atheistischen Mitbürger gestört fühlen könnten. Also sollen Nicht-religiöse quasi die seelischen Bedürfnisse Religiöser tolerieren, andersrum aber nicht?

Offiziell schützt das deutsche Grundgesetz einige Feiertage als sogenannte «Stille Tage». Als besonders schützenswert gilt der christliche Feiertag Karfreitag, der angebliche Tag der Kreuzigung Jesu. Die deutschen Bundesländer handhaben diese Tage in ihren jeweiligen Feiertagsgesetzen oder Verordnungen recht unterschiedlich.

Zwischen blindem Gehorsam und Populismus

Dass das Gesetz, trotz zum Teil massiver Proteste, nach wie vor Bestand haben kann, liegt vor allem an der unfreiwilligen Unterstützung der schweigenden Mehrheit, sowie der möglicherweise populistischen Rückendeckung durch manche Politiker.

Trotz vieler kritischer Stimmen pocht beispielsweise Rheinland-Pfalz nach wie vor auf das Disco-Verbot vor Ostern: «Die Landesregierung hält am Tanzverbot an den Kar- und Ostertagen fest. Das ist immer noch zeitgemäß», sagte Innenstaatssekretär Jürgen Häfner Anfang der Woche in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. «Wir wollen, dass die besonders schützenswerten, also sogenannten stillen Feiertage, weiterhin respektiert werden. Das entspricht dem Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung. Wir sind ein christlich geprägtes Bundesland.»

Der Landesbischof der Evangelischen Kirche Bayern, Heinrich Bedford-Strohm will an der öffentlichen Bedeutung des Feiertages in der Vorbereitung auf Ostern nicht rütteln. Es sei sehr wichtig, dass an diesem Tag durch die Geschichte von der Kreuzigung Jesu auch das Leiden der Menschen in aller Welt zur Sprache komme, sagte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Wachsendes Unverständnis in der Bevölkerung

Vor allem jüngere Rheinland-Pfälzer begegnen dem Disco-Verbot vor Ostern mit Unverständnis. Die Piratenpartei im hessischen Gießen hat sogar zu einer Tanz-Demo gegen diese Regelung am Karfreitag aufgerufen: «Das Tanzverbot muss aufgehoben werden», forderte der rheinhessische Kreisvorsitzende Matthias Heppner am Mittwoch im Namen der Landespartei. Es widerspreche dem Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und der Gleichheit vor dem Gesetz, «da hier einseitig christliche Traditionen bevorzugt werden».

In einer pluralistischen Gesellschaft dürften die Menschen nicht nach ihrer Herkunft oder Religion in Schubladen gesteckt werden. Niemand solle beim Besuch einer Tanzveranstaltung Angst vor «staatlicher Repression» haben müssen. Ein Aufruf zum politischen Widerstand, der von der Landesregierung offenbar nicht wirklich ernst genommen wird: «Protestaktionen in Rheinland-Pfalz gegen das Tanzverbot sind uns nicht bekannt», sagte Staatssekretär Häfner dazu. «Es könnte sein, dass heute mehr Unsicherheit bei der Bedeutung von Ostern als vor 30 Jahren herrscht, aber das ist nicht bei der Mehrheit so.»

(mth/L'essentiel Online mit dpa)

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