Doku zu Christian B. – «Er genießt die Wehrlosigkeit seiner Opfer»
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Doku zu Christian B.«Er genießt die Wehrlosigkeit seiner Opfer»

Eine TV-Doku über den Fall Maddie geht der Frage nach, warum der Tatverdächtige Christian B. zu dem wurde, der er heute ist. Der Film schildert eine schwere Kindheit.

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Christian B. (45), der Verdächtige im Fall Maddie McCann, wurde in Deutschland unter anderem wegen sexueller Misshandlung von Kindern verurteilt.

Christian B. (45), der Verdächtige im Fall Maddie McCann, wurde in Deutschland unter anderem wegen sexueller Misshandlung von Kindern verurteilt.

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Staatsanwalt Hans Christian Wolters ist fest von der Schuld von Christian B. überzeugt.

Staatsanwalt Hans Christian Wolters ist fest von der Schuld von Christian B. überzeugt.

Reuters
Bei ihrem Verschwinden war Maddie fast vier Jahre alt. Bis heute fehlt jegliche Spur der heute 18-Jährigen.

Bei ihrem Verschwinden war Maddie fast vier Jahre alt. Bis heute fehlt jegliche Spur der heute 18-Jährigen.

AFP

In der Doku «Verdächtig im Fall Maddie - Wer ist Christian B.?» versucht ein Team von Spiegel TV jenen Mann abzubilden, der hinter dem Verschwinden des britischen Mädchens Maddie McCann 2007 an der portugiesischen Algarve-Küste stecken könnte. Demnächst soll es zur Anklageerhebung gegen den heute 45 Jahre alten Deutschen kommen.

Warum wurde Christian B. zu dem, was er heute ist, wollten die Reporter wissen. Dafür sprachen sie mit Behörden, Weggefährten und Freunden des dringend Tatverdächtigen. In der zweistündigen Doku wird das «kaputte Leben» eines Mannes dargestellt, der «ohne Zuneigung» in Würzburg aufwuchs. Der Pflegevater habe B. als Kind mit dem Gürtel geschlagen. Als der Mann im Rollstuhl landete, konnte auch die Pflegemutter den Teenager nicht mehr betreuen. Christian B. kam ins Heim.

Eine schwierige Kindheit

Mit 15 Jahren beging er die ersten Diebstähle, mit 17 versuchte er erstmals, sich an einem Kind zu vergehen. Nach der zweiten versuchten sexuellen Misshandlung an einem Kind wurde B. zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Vor Gericht zeigte sich B. scheu, gab einsilbige Antworten.

Mit 24 Jahren kam er nach Portugal, ließ sich an der Algarve nieder. Dort kannte man ihn als «der Kletterer», weil er nachts in Hotels einbrach. Er trank viel, brach auch in Häusern ein. Mit 28 vergewaltigte er eine 72-jährige US-Amerikanerin. Er fesselte und quälte sie. Für Psychologen ist es klar: B. genießt die Wehrlosigkeit seiner Opfer. «Das ist ein roter Faden, der sich durch seine sexuellen Gewalttaten zieht», erklärt ein Experte.

«Da hab ich nicht mit gerechnet»

Filmemacherin Gudrun Altrogge hat zudem mit Bekannten von B. gesprochen, die sich erstmals offen zu ihm äußern und «die Abgründe eines Kriminellen schildern, der sein Aussteigerleben an der Algarve als Tarnung für unzählige Verbrechen nutzte». So etwa mit Björn R., der B. gut kannte. «Der war zwei Jahre einer meiner besten Freunde. Ich hätte nie damit gerechnet, dass der so viel Dreck am Stecken hat», wird er zitiert.

Als er wegen einer Razzia bei sich zu Hause erfuhr, dass B. wegen Kinderpornos gesucht werde, sei er aus allen Wolken gefallen: «Das konnte ich nicht fassen. Bis dahin dachte ich, dass es um Diesel-Diebstahl und die ganzen Klauereien geht. Da hab ich nicht mit gerechnet», so der ehemalige Kollege von B. Denn der Tatverdächtige im Fall Maddie sei immer so hilfsbereit gewesen, dass man sich nicht vorstellen könne, «dass der auch eine solche Schattenseite hat».

Opfer von Christian B. berichtet

Lenta J., eine frühere Bekannte von Christan B., gibt an, sie habe mit ihm sogar über Maddie gesprochen. «Es kam in den Tagen in den Zeitungen was über Maddie und die Freunde von Christian unterhielten sich darüber. Dann sagte er einfach nur: Man sollte jetzt damit aufhören, das Kind sei doch schon längst tot», sagt sie. Als sie gefragt habe, wie er darauf komme, habe Christian B. nur gemeint, nach so vielen Jahren müsse das Kind doch tot sein und «eine Leiche könnte man ja schnell verstecken».

In der Doku kam auch die heute 13 Jahre alte Lara zu Wort, die durch eine sexuelle Belästigung durch B. in Portugal schwer traumatisiert wurde. Mit heruntergelassener Hose soll er vor der Portugiesin onaniert haben. Das Mädchen konnte fliehen, Christian B. wurde noch vor Ort verhaftet.

Den Behörden liegen «geheime Chatverläufe» aus dem Darknet vor, «die zeigen, wie abgründig die pädophilen Fantasien des Verdächtigen im Fall Maddie gewesen sind.» B. nannte sich «Wahnsinn der Holger». Bei einer Razzia in einer alten Fabrikruine, die B. um 2014 gemietet hatte, entdeckten die Beamten einen Hundekadaver – und darunter sechs USB-Sticks und zwei Speicherkarten mit rund 8000 Dateien kinderpornografischem Materials.

«Wir gehen davon aus, dass er Maddie McCann getötet hat. Wir haben zahlreiche Indizien und Beweise gesammelt und aufgrund der Verdachtslage steht das für uns fest», sagt der zuständige Braunschweiger Staatsanwalt Hans Christian Wolters in der Doku. So liegen ihm etwa Handydaten vor, die belegen sollen, dass sich B. zum Zeitpunkt von Maddies Verschwinden in der Nähe der Ferienanlage Praia do Luz aufgehalten haben soll. Außerdem soll gegen den Mann eine weitere Anklage wegen einer Vergewaltigung erhoben werden, die er unweit des Ferienortes begangen haben soll.

(L'essentiel/kle)

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