Bei Erdogan-Besuch – Erdogan bietet von der Leyen keinen Sitzplatz an
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Bei Erdogan-BesuchErdogan bietet von der Leyen keinen Sitzplatz an

Der türkische Präsident brüskierte die EU-Kommissionspräsidentin am Dienstag, indem er ihr bei einem offiziellen Besuch keinen Sitzplatz anbot.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan empfing am Dienstag EU-Ratspräsident Charles Michel und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zu einem offiziellen Besuch. Mehr als das Treffen selbst gab aber der Foto-Termin zu reden.

Erdogan hatte nur zwei Stühle bereitgestellt – und auf diesen nahmen Charles Michel und er selbst Platz. Für Ursula von der Leyen hingegen war kein Platz vorgesehen. Die deutsche Spitzenpolitikerin, immerhin Vorgesetzte des gesamten EU-Verwaltungsapparats, war sichtlich irritiert. Sie verwarf die Hände und äußerte ein gut hörbares «Ähm». Danach arrangierte sie sich mit der Situation: Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf ein Sofa zur Seite von Erdogan und Michel zu setzen.

«Das ist beschämend»

Die Szene sorgte für Empörung in Politik- und Diplomatie-Kreisen. Besonders stoßend finden Beobachter, dass es zwei Männer sind, die sitzen und in die Kameras schauen dürfen, während die Frau ausgebootet und fernab der Aufmerksamkeit daneben Platz nehmen muss.

Die Interpretation, dass Erdogan bewusst darauf verzichtet habe, Ursula von der Leyen einen Stuhl anzubieten, wird zusätzlich genährt durch die Tatsache, dass Erdogan Ende März verkündete, aus der Istanbul-Konvention austreten zu wollen. Diese hat das Ziel, Frauen vor Gewalt zu schützen.

Auf Twitter machen sich Politiker und Politikerinnen unter dem Hashtag #GiveHerASeat Luft. So schreibt Iratxe Garcìa Lopez, die Fraktionschefin der Sozialdemokratinnen im EU-Parlament: «Zuerst ziehen sie sich aus der Instanbul-Konvention zurück. Dann geben Sie der EU-Kommissionspräsidentin keinen Stuhl. Das ist beschämend.»

Und der Grünen-Politiker Sergey Lagondinsky kommentierte von der Leyens ratloses «Ähm» mit: «Ähm› sollte der neue Begriff für die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland sein.»

Bei früheren Treffen drei Stühle

Die türkische Regierung richtete aus, man habe niemandem schaden wollen. In der Kritik steht aber auch EU-Ratspräsident Charles Michel. Er hätte die Geistesgegenwart haben und seinen Stuhl von der Leyen anbieten müssen, monieren Kritikerinnen und Kritiker. Sein Beraterstab verteidigt das Vorgehen. Die Sitzzuweisung habe dem Protokoll entsprochen, argumentierte das Team von Michel nach der Rückkehr nach Brüssel, wie «Politico» schreibt.

Beim Treffen habe es sich formell gesehen um einen Austausch zwischen dem türkischen Präsidenten und dem EU-Ratspräsidenten gehandelt. Von der Leyen und Vertreter der türkischen Exekutive hätten daran bloß teilgenommen. Bilder von früheren Treffen zwischen Erdogan und den damaligen EU-Ratspräsidenten Donald Tusk und EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker zeigen allerdings, dass man damals durchaus fähig war, drei Stühle aufzustellen:

Wichtiges Detail: Das Treffen zwischen Erdogan, Michel und von der Leyen wurde vom türkischen Beraterstab des Präsidenten und vom Stab des EU-Ratspräsidenten Michel geplant. Der Beraterstab von von der Leyen blieb aus Pandemie-Gründen in Brüssel zurück, wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet.

(L'essentiel/Reto Heimann)

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