Reaktionen – «Ernst der Lage wird Leute zur Raison bringen»

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Reaktionen«Ernst der Lage wird Leute zur Raison bringen»

LUXEMBURG – Nachdem die Gewerkschaften die geplante Tripartite platzen lassen haben, sehen die einen das Ende des Luxemburger Modells gekommen. Andere glauben an die Rückkehr an den Verhandlungstisch.

«Das Patronat lehnt weitere Verhandlungen ab und fordert von den Gewerkschaften, dass diese ihre Forderungen annehmen. Wir sind in wichtigen Punkten auf die Unternehmer zugegangen, aber wir haben von Seiten des Patronats nicht gesehen, dass sie uns entgegenkommen. Sie wollen uns ihre Änderungen aufdrücken», erklärte Jean-Claude Reding, Präsident des OGBL, auf Anfrage von «L’essentiel Online», kurz nach der Absage des für Freitag geplanten Treffens. Er warte nun die Reaktion von Premierminister Jean-Claude Juncker und der Regierung ab. «Dann sehen wir weiter.»

Auch die Gewerkschaft CGFP begründete am Donnerstag ihre Entscheidung. «Es hat keinen Sinn, zu einem Treffen zu gehen, dessen Scheitern schon vorher feststeht», sagte Pressesprecher Steve Heiliger.

LCGB-Präsident Patrick Dury erklärte: «Um das luxemburgische Sozialmodell ist es nicht gut bestellt. Das ist klar. Wir müssen ruhig bleiben und sehen, was die Regierung am Freitag auf den Tisch legt».

CSV kritisiert «Politik des leeren Stuhls»

Der LSAP-Franktionsvorsitzende Lucien Lux «bedauerte» das Scheitern. «Alle Partner werden erst merken, wie notwendig die Tripartite ist, wenn sie einmal nicht mehr besteht», sagte er auf Anfrage. An ein endgültiges Aus des Sozialmodells glaube er aber nicht. «So pessismistisch wollen wir nicht sein. 2012 wird ein schwieriges Jahr. Vielleicht wird der Ernst der Lage die Leute zur Raison bringen.»

Das CSV-Generalsekretarität kritisierte den Rückzug der Gewerkschaften: «Die Politik des leeren Stuhls ist keine gute Politik. Sie ist es ganz besonders dann nicht, wenn es um unser Land geht, um alle Menschen, die hier leben und um Menschen, die erwarten dürfen, dass sich ernsthaft mit jenen Problemen beschäftigt wird, denen sie im Alltag begegnen.»

Die DP sah die Schuld hingegen bei der Regierung: «Sie hat die Verhandlungen nicht ausreichend vorbereitet, wie bereits im Vorfeld der Tripartite-Gespräche besonders aus dem Gewerkschaftslager zu vernehmen war.» Claude Meisch, Präsident der Liberalen, erklärte: «Keine bzw. eine kleine Tripartite-Lösung ist ein Schritt nach hinten. Wir brauchen jetzt einen großen Wurf, der uns nach vorne bringt».

Jacques Santer verweist auf Erfolgsmodell

Kurz vor der Absage der Gewerkschaften wies Jacques Santer, einer der Gründungsväter der Tripartite, auf die früheren Erfolge der Dreiergespräche hin. «Das luxemburgische Sozialmodell hat zu überzeugenden sozialen und wirtschaftlichen Ergebnissen geführt. Ich hoffe, dass das Modell bestehen bleibt», sagte der ehemalige Premierminister Luxemburgs am Donnerstag auf Anfrage von «L’essentiel». «Nur durch Verhandlungen kommt man zu Kompromissen.» Er sei der Ansicht, dass die Herausforderungen derzeit zu hoch seien, um sie ohne ein gemeinsames Ausloten der Positionen zu klären. «Die Bürger würden ein Scheitern nicht akzeptieren.»

Auch Pierre Bley, Geschäftsführer des luxemburgischen Unternehmerverbands, sprach sich für den Erhalt des luxemburgischen Modells aus: «Ich würde es sehr bedauern, wenn es durch dieses Vorgehen der Gewerkschaften gefährdet wird. Wir brauchen es mehr denn je in diesen Krisenzeiten.»

ks/cm/pat/L'essentiel Online

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