OP bei Brustkrebs – «Erschrick dich nicht, mir fehlt eine Brust»

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OP bei Brustkrebs«Erschrick dich nicht, mir fehlt eine Brust»

LUXEMBURG – Um die hundert Frauen müssen sich jedes Jahr eine Brust amputieren lassen. Und dann? Die Krux um Silikon oder Prothese löst eine Luxemburgerin besonders mutig.

Der Griff in die Dessous-Schublade kam für Carmen Majerus der Wahl zwischen Pest und Cholera gleich: Eine schmerzende oder eine entzündete Brust? Die Krankenschwester hat innerhalb eines Jahres Brustkrebsdiagnose, Entfernung des linken Busens und Chemotherapie verkraftet. Wieder gesund, stand sie vor einem ganz anderen Problem: Worin die gesunde Brust kleiden, damit die Narbe der Anderen, der Entfernten, heilen kann? «Man findet nichts», erklärt die 35-Jährige. «Entweder feste Sport-BHs, die alles plattdrücken, oder hässliche Prothesen-BHs, in denen die Prothese auf die Narbe drückt oder sie entzündet.» Die Öffentlichkeit wird im Brustkrebsmonat Oktober über Prävention und Behandlung informiert, aber die betroffenen Frauen müssen mit der Krankheit und den Folgen leben. Tagtäglich.

Nach einer Mastektomie, der ein- oder beidseitigen Entfernung der Brust, haben die meisten gesundeten Brustkrebspatientinnen die Wahl: Entweder lassen sie die Brust etwa durch Silikon wieder aufbauen oder sie tragen eine äußere Silikonprothese. Zahlreiche Frauen leben gut mit einer Silikonprothese, doch Majerus entschied sich bewusst anders. «Viele Frauen konnten nicht verstehen, dass ich keinen Brustaufbau will, sie waren sogar schockiert», erinnert sie sich. Doch Silikon kam für die Krankenschwester nicht in Frage: Der Aufbau hätte ihr zu lange gedauert und sie hatte Angst, ihre Brust nicht mehr auf mögliche Tumore abtasten zu können. Außerdem ist sie sehr «öko».

«Es wird nicht darüber gesprochen»

Auf der Suche nach einem BH, der es auch aushält, wenn sie ihre Patienten hebt, durchstöberte Majerus das Netz und stieß auf Nicole Kecskes und ihr Nähatelier «Nicoles Magic Moments». Die deutsche Schneiderin entwarf auf Wunsch der Luxemburgerin einen «Amazonen-BH», einen Prototypen, den die beiden Frauen zwischen Weiswampach und Barsinghausen nahe Hannover hin- und herschickten. Nach vier Monaten des Anpassens, Änderns und Probetragens saß das Dessous.

175 Euro haben der Prototyp und das endgültige Modell gekostet, den zweiten BH gibt es dann für 149 Euro. Der hohe Preis relativiert sich: Der BH ist maßgefertigt, deckt Narben ab und drückt die Lymphknoten nicht. Ein Prothesen-BH kostet laut Majerus zwischen 130 und 160 Euro, diese Kosten übernimmt die Krankenkasse aber einmal im Jahr.

Brustkrebs noch immer ein Tabu

Die Krankenschwester glaubt, dass sich viele der betroffenen Frauen mit einer Prothese quälen, damit man die Amputation nicht sieht. «Viele denken, dass sie keine vollständige Frau mehr sind», berichtet die 35-Jährige. Denn Brustkrebs und Brustamputation sind nach ihren Erfahrungen immer noch Tabuthemen: «Es wird nicht drüber gesprochen. Ich habe Patientinnen, die sagen: 'Erschrick dich nicht, mir fehlt eine Brust'», erzählt Majerus. Und dann weiß die Luxemburgerin mit einem Satz zu trösten, Stärke zu geben und Normalität herzustellen: «Ja, mir doch auch. Schau'.»

Am gelassensten reagiert hätten die männlichen Kollegen von Carmen Majerus. «Hauptsache du fühlst dich wohl», haben sie ihr gesagt. Und sie kann mit der amputierten Brust gut umgehen: «Der Krebs ist ja weg und ich lebe.»

(Sophia Schülke/L'essentiel)

Brustkrebs in Luxemburg

Brustkrebs ist die häufigste Krebsart bei Frauen. Dabei wird zwischen invasivem Krebs, der bereits in das benachbarte Gewebe eingedrungen ist und eventuell im Körper gestreut hat, und nicht-invasivem, noch im Ursprungsgewebe verbliebenem, Krebs unterschieden.

Das Morphologische Tumorregister hat in den vergangenen Jahren insgesamt mehr Fälle von invasivem und nicht-invasivem Brustkrebs registriert: Waren es zwischen 1980 und 1984 noch 755 Fälle, stieg die Zahl von 1995 bis 1999 auf 1475 und 2005 bis 2009 auf 1858. Gründe dafür sind unter anderem der Anstieg der weiblichen Bevölkerung und eine verbesserte Früherkennung.

Laut der Luxemburger Sektion von Europa Donna, der Europäischen Koalition gegen Brustkrebs, sterben pro Jahr durchschnittlich 70 Frauen im Großherzogtum an dieser Krankheit.

Brustamputationen in Luxemburg

Im Jahr 2015 wurden in Luxemburg nach Angaben der Nationalen Gesundheitskasse 180 Mastektomien durchgeführt, in der Vielzahl der Fälle ist eine Brustkrebserkrankung die Ursache für einen solchen Eingriff. Für die vergangenen Jahre bewegt sich die Zahl der Brustamputationen zwischen 155 und 192: 2010 wurden 160 Mastektomien gemacht, 2011 waren es 170, 2012 sank die Zahl auf 155, 2013 und 2014 erreichte sie 189 und 192.

Handelt es sich um einen einzelnen, örtlich begrenzt wachsenden Tumor, kann brusterhaltend operiert und anschließend eine Strahlentherapie durchgeführt werden. Wachsen Tumore aber an mehreren Stellen in der Brust oder kann der Tumor nicht im gesunden Gewebe entfernt werden, muss die Brust entfernt werden (Mastektomie). Ein Eingriff, bei dem Haut und Brustwarze erhalten bleiben, kommt nur in sehr seltenen Ausnahmen vor. In Luxemburg war in den Jahren 2006 bis 2010 eine ein- oder beidseitige Mastektomie bei etwa einem Drittel aller Brustkrebs-Fälle Teil der Therapie.

Danach ist ein Brustaufbau durch ein Silikon-Implantat nicht immer möglich: Gibt es eine Krankheit im Brustbereich, eine Autoimmunerkrankung oder eine Überempfindlichkeit gegenüber Silikon darf das Silikon nicht implantiert werden. Das Gleiche gilt bei Behandlungen durch Strahlentherapie oder wenn nach der Mastektomie zu wenig gesundes Restgewebe zurückgeblieben ist.

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