Erster Weltkrieg – Europäer gedenken Belgien-Überfall

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Erster WeltkriegEuropäer gedenken Belgien-Überfall

LÜTTICH - Ein brutaler Überfall auf ein neutrales Land: Vor 100 Jahren marschierte Deutschland in Belgien ein. Am Montag erinnerten Politiker an den Krieg.

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hat bei den Gedenkfeiern zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren Konsequenzen aus den historischen Erfahrungen angemahnt. Im belgischen Lüttich sagte Gauck am Montag, aus der Geschichte erwachse eine gemeinsame Verantwortung für die Welt. «Wir können nicht gleichgültig bleiben, wenn Menschenrechte missachtet werden, wenn Gewalt angedroht oder ausgeübt wird.» Bereits am Samstag haben Politiker in Luxemburg dem Einmarsch in das Großherzogtum gedacht.

Auf aktuelle Konflikte wie im Nahen Osten oder in der Ukraine ging Gauck nur indirekt ein. «Wieder wird in einer Region das Völkerrecht missachtet, in anderen Regionen der Welt das Kriegsrecht, oder unverhältnismäßige Gewalt wird in Konflikten eingesetzt.»

Lüttich leistete Widerstand

Bei der Gedenkfeier im belgischen Lüttich erinnerten ein Dutzend Staats- und Regierungschefs aus Europa an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Am 4. August 1914 hatte Deutschland Lüttich angegriffen, nachdem deutsche Truppen in der Nacht zuvor in das neutrale Belgien einmarschiert waren. Die Bürger der Stadt leisteten heftigen Widerstand, die deutschen Soldaten gingen mit großer Brutalität vor.

An der Feier in Lüttich nahmen Gäste aus 80 Ländern teil, darunter Frankreichs Präsident François Hollande und der britische Prinz William mit seiner Frau Kate. Belgiens Königspaar Philippe und Mathilde begrüßte die hochkarätigen Gäste. Gauck saß während der Gedenkstunde zwischen dem belgischen König und König Felipe von Spanien. Überall in der Stadt konnten die Menschen die Zeremonie auf Großbildschirmen verfolgen.

Verblendete Nationalisten

Gauck erinnerte an die deutschen Verbrechen im Ersten Weltkrieg. «Der Nationalismus hat beinahe alle Herzen und Hirne» verblendet, sagte er. Es sei auch heute noch beschämend, dass in Deutschland auch Intellektuelle und Kulturschaffende gerechtfertigt hätten, wie deutsche Truppen gegen Land und Leute vorgegangen und auch Kulturstätten zerstört hätten.

Symbol dafür sei die Vernichtung der weltberühmten Bibliothek der Stadt Löwen mit unersetzlichen Büchern und Handschriften. Am Nachmittag besucht Gauck auch die im Ersten Weltkrieg fast vollständig zerstörte Stadt in Flandern.

Gemeinsam an den Krieg erinnern

Auf Einladung des britischen Premierministers David Cameron nimmt der Bundespräsident am Abend an einer Feier auf dem deutsch-britischen Soldatenfriedhof St. Symphorien bei Mons teil. Am 4. August 1914 hatte Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg erklärt. Gemeinsam wollen Deutsche, Briten, Franzosen und Belgier hier der Opfer des Ersten Weltkriegs gedenken und würdigen, dass aus den ehemaligen Kriegsgegnern Partner und Verbündete wurden.

Bei der feierlichen Abendveranstaltung war auch ein Auftritt von Mitgliedern des Schleswig-Holstein Festival Chors geplant. Gemeinsam mit Sängern des London Symphony Chorus wollten sie den letzten Satz aus dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms interpretieren. Im schottischen Glasgow nahmen Prinz Charles sowie Vertreter der Commonwealth-Länder an einem feierlichen Gottesdienst zum Jahrestag des Kriegsbeginns teil.

(L'essentiel/dpa)

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