Analyst Ian Bremmer – «Europäische Länder werden ihr 9/11 erleben»

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Analyst Ian Bremmer«Europäische Länder werden ihr 9/11 erleben»

Der Politologe Ian Bremmer sucht die tiefen Ursachen von Krisen. Im Interview erläutert er globale Krisen und geht auf den Einfluss von Smartphones ein.

Herr Bremmer, gegenwärtig strömt eine riesige Welle von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten nach Europa. Wie wird sich das längerfristig auswirken?

Die meisten Flüchtlinge haben Europa noch nicht erreicht. Obwohl erst sechs Prozent der syrischen Flüchtlinge nach Europa vorgedrungen sind, regen sich die Europäer darüber heftig auf. Wenn ihre Zahlen viel größer werden, dürfte das zu einem kritischen Faktor werden. In vielerlei Hinsicht ist die Flüchtlingskrise für Europa wichtiger als die Eurokrise.

Warum ist das so?

Die Flüchtlingskrise unterhöhlt die europäischen Werte. Europa soll ja mehr sein als die Summe der jeweiligen Nationalismen. Nun strömen aber Millionen von Muslimen in die Länder Europas, und mehrheitlich sind sie jung und männlich. Wenn die Europäer sie nicht als europäisch ansehen und sie kulturell nicht integrieren wollen, dann zerrt das am Gewebe dessen, was es bedeutet, europäisch zu sein.

Kann sich Europa nicht verändern?

Wenn die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt: Wir müssen ändern, wer wir sind, dann stimmen dem die meisten Deutschen nicht zu. Das gilt sicher auch für die meisten Schweizer, wo unlängst gewählt wurde. Das Ergebnis macht klar, dass die Bevölkerung mit einer völligen Öffnung nicht einverstanden ist. Das ist ein sehr ernstes Problem. Es wird mehr Nationalismus geben, mehr Fremdenfeindlichkeit. Und mehr Länder werden als einzelne agieren, anstatt sich nach Brüssel zu richten.

Wie unvermeidlich ist das?

Mit den Bombenanschlag in Ankara haben die Türken ihr «9/11» erlebt; noch vorher hatten die Franzosen das ihre mit dem Angriff auf «Charlie Hebdo». In den nächsten Monaten werden andere europäische Länder ihr «9/11» erleben. Das wird den Radikalismus in diesen Ländern nähren.

Letztes Jahr nannten Sie das Verhältnis Europas zu den USA eines der vier wichtigen globalen Themen. Wie hat es sich verändert?

Chinas Präsident Xi Jinping hat eben Großbritannien besucht. Die Briten sprechen nicht mehr vom Dalai Lama, auch nicht von Taiwan oder von Hongkong. Stattdessen ist es für sie am wichtigsten, dass das Vereinigte Königreich Chinas bester Freund im Westen wird, ein noch besserer als Deutschland. Die Vereinigten Staaten sagen, die prinzipielle Herausforderung für Amerika sei längerfristig China. In der EU hat niemand dieses Gefühl. Nicht einmal Großbritannien handelt mehr danach, der Partner mit dem «speziellen Beziehung». Die USA und Europa werden weiter auseinanderdriften.

Wie beurteilen sie die Verfassung der Nato?

Es ist so, als gäbe es keine Nato mehr. Viele Menschen glauben, die russischen Drohungen gegen die Ukraine hätten etwas Gutes, weil sie die Nato stärken. Ich glaube das Gegenteil, denn die Nato hätte sich wandeln müssen. Sie hätte sich mehr auf die Bedrohungen des 21. Jahrhunderts ausrichten müssen, auf Cyber-Krieg, auf wirtschaftliche Bedrohungen, auf nichtstaatliche Akteure. Die russische Bedrohung bringt die Nato zurück zu dem, was sie im 20. Jahrhundert war. Und sie macht sichtbar, wie sich die Länder Europas auseinanderbewegen. Das schwächt die Nato.

Ostasien gilt seit Jahren als gefährlich, dennoch ist nichts Dramatisches geschehen. Wie sehen Sie diese Region?

In China, Indien und Japan sind im Moment starke Führungen an der Macht. Sie alle erkennen, dass innenpolitische Reformen überfällig und für die Stabilität ihrer Länder entscheidend sind. Deshalb konzentrieren sich diese Länder mehr auf die inneren Verhältnisse als auf Nationalismus und Fahnenschwingen.

Obwohl China mit künstlichen Inseln Territorium beansprucht?

Die Inseln werden im südchinesischen Meer gebaut, nicht im ostchinesischen. Dort steht China in Spannung mit Südostasien, mit den Philippinen und Vietnam. Diese Länder sind viel kleiner, und die Chinesen haben mehr asymmetrischen Einfluss. Für die USA steht hier weniger auf dem Spiel als in Japan. Im Süden glauben die Chinesen, sie könnten den Status quo militärisch verändern. Aber dieses Risiko wird die Weltmärkte nicht erschüttern.

Ist in all diesen Krisen koordiniertes Handeln überhaupt denkbar?

In einer Welt des G-null gibt es einerseits mehr geopolitische Konflikte, was die USA und den Westen als stabiler erscheinen lässt. Daher wollen mehr Menschen und will mehr Geld dorthin kommen. Anderseits findet eine Fragmentierung statt. Die Welt geht auf Distanz zu den vor allem von den USA vertretenen globalen Werten. Das gilt für das Währungssystem, für das World Wide Web, für den freien Markt oder für Menschenrechte. Der erste Trend schwächt das Interesse der USA an der Koordination. Und der zweite macht alle anderen weniger an einer Koordinierung interessiert.

Gibt es keine Gegenbeispiele?

Manchmal kommt es zu «Koalitionen der Willigen». In der Transpazifischen Partnerschaft schließen die USA und ihre Alliierten mit einem Anteil von 40 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts ein Freihandelsabkommen ab. Auch auf der lokalen Ebene gibt es einiges, was funktioniert – neben all dem, was explodiert.

Ich denke an eine breite Koordinierung zur Bewältigung globaler Krisen.

Schauen Sie nur auf die fast fünf Millionen syrischer Flüchtlinge und den brutalen Krieg Baschar al-Assads gegen die eigene Bevölkerung. Doch die übrige Welt tut nichts, bis Putin von sich aus eingreift, unter totaler Missachtung der Werte, für die die internationale Gemeinschaft stehen sollte. Die Reaktion auf Syrien ist emblematisch für das zukünftige Maß an globaler Koordinierung.

In Amerika fordern die republikanischen Präsidentschaftskandidaten, die USA sollten zu ihrer früheren Vorherrschaft zurückkehren. Machen sie sich etwas vor?

Nein, sie wollen Präsident werden…

… was vielleicht dasselbe ist …

…genau. Bezeichnender ist Hillary Clinton: Sie redet heute auch ganz ähnlich, anders als zu ihrer Zeit als Außenministerin. Die meisten Establishment-Kandidaten halten das Konzept der unverzichtbaren USA hoch. Doch wenn man die von ihnen vorgeschlagene Politik im Nahen Osten oder gegenüber Russland und China genau betrachtet, gibt es nicht mehr viel Unverzichtbarkeit.

Reden machen keine Politik.

Das gilt auch für Obama. Er sagt nicht: Wir werden den Islamischen Staat zerstören. Er sagt: Der IS muss zerstört werden. Passivsätze sind typisch für die USA von heute.

Obama sagt auch, die Weltgemeinschaft müsse handeln.

Es gibt keine Weltgemeinschaft. Die internationale Gemeinschaft besteht immer aus jenen, die mit uns einverstanden sind. Unglücklicherweise wird ihr Anteil kleiner. Er umfasst nicht einmal fünfzig Prozent der Weltbevölkerung. Und das ist ein Problem. China wird in den nächsten zehn Jahren die größte Volkswirtschaft werden. Es wird bei den meisten Fragen nicht mit uns einverstanden sein: nicht bei der Frage, wie man eine Wirtschaft und ein politisches System organisiert und wie man eine Armee führt. Und China wird den Status quo zu verändern versuchen.

Welche fundamentalen Ursachen - neben dem Aufstieg Chinas - sehen Sie für den Wandel der Welt?

Dass die Energie billiger wird, ist ein ganz wichtiger Faktor. Deshalb wird der Nahe Osten nicht mehr so sehr gebraucht wie einst. Wir bewegen uns auf andere Energiesysteme zu, auf erneuerbare Energiequellen und Batterien. Dieser Zug ist abgefahren.

Und die Technologie?

Die Technologie verändert tiefgreifend. Als die erste Milliarde Menschen Zugang zum Internet erhielt, dachten sie zumeist so wie Sie und ich. Sie waren gebildet, stammten aus dem Westen oder waren mit ihm verbunden. Sie mochten die von den USA geführte Globalisierung. Wenn jetzt vier bis fünf Milliarden Menschen über ihre Smartphones Zugang zum Internet erhalten, sind die meisten viel ärmer. Es gefällt ihnen nicht dort, wo sie leben. Sie mögen die herrschende Regierung nicht, und ganz sicher missfällt ihnen das globale System. Einige sind richtig wütend und werden zu den Waffen greifen. Der große Faktor ist die Allgegenwart der Technologie als Megaphon. Sie ist sozial explosiv.

Was halten Sie von kulturellen Einflüssen wie der Religion, konkret: dem Islam?

Fraglos können Ideologien, falls sie von charismatischen Anführern verbreitet werden, Frustrationen kanalisieren und die Gefahr einer Explosion erhöhen. Das ist sehr gefährlich für die ganze Welt. Der Übergang von den etablierten Medien hin zu den sozialen Medien trägt auch dazu bei. Heute wird man von den Medien nicht mehr als Bürger betrachtet, sondern als Konsument und erhält nur die Informationen, die man wünscht. Wenn man im Zug neben einem anderen Menschen sitzt, dessen Newsfeed völlig anders ist, dann ist auch seine Weltsicht eine gänzlich andere. Das verschärft Identitätskonflikte, und bei ihnen spielt die Religion eine ganz besonders wichtige Rolle.

Gibt es nicht auch positive Trends?

Doch, die bessere Ausbildung der Menschen, besonders der Frauen. Auch die Urbanisierung wirkt sich tiefgreifend aus. Beides ist sehr positiv. Eines der besten Elemente der Globalisierung ist die Verringerung der Armut.

Sie macht die Welt aber nicht friedvoller.

Aber sie macht Teile der Welt friedlicher. Auch Europa wurde durch seine Industrialisierung am Ende friedlicher.

(L'essentiel/Martin Suter)

Der Amerikaner Ian Bremmer, 45, ist einer der führenden Kenner der Weltpolitik. Der promovierte Politologe gründete 1998 in New York die Eurasia Group, die Institutionen und Unternehmen aus aller Welt über globale Risiken berät. Daneben lehrt Bremmer an der New York University und schreibt regelmäßig analytische Kommentare, unter anderem für das «Time»-Magazin und die «Financial Times».

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