Kurden-Anführer – «Fällt Kobane, zieht der IS nach Istanbul»

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Kurden-Anführer«Fällt Kobane, zieht der IS nach Istanbul»

Die Stadt Kobane dürfe unter keinen Umständen fallen, sagt ein Anführer der syrischen Kurden. Der IS könnte danach schnell in der Türkei sein.

AFP/Aris Messinis

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) drängt die sich verzweifelt wehrenden Kurden in der Grenzstadt Kobane immer weiter in die Enge. Trotz erbitterter Gegenwehr und US-Luftangriffen konnten die Dschihadisten im Häuserkampf weitere Viertel der Stadt erobern. Am Donnerstag meldete die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die als grausam bekannten IS-Milizen kontrollierten bereits ein Drittel der Ortschaft. Die Regierung in Ankara sprach sich dennoch gegen einen Alleingang mit Bodentruppen gegen die Extremisten im Nachbarland aus. Syriens Regierung warnte die internationale Anti-IS-Koalition derweil vor der Einrichtung einer Pufferzone. Die EU beschloss weitere Maßnahmen, um potenzielle Dschihadisten an der Ein- und Ausreise aus Europa zu hindern

Die USA setzten ihre Luftschläge in Syrien mit Kampfjets, Bombern und Drohnen fort. Südlich von Kobane wurden dabei ein IS-Trainingslager beschädigt und ein Gebäude sowie zwei Fahrzeuge zerstört, teilte das Zentralkommando in Tampa (Florida) mit. Zudem seien eine kleine und eine große IS-Einheit getroffen worden.

Keine Priorität

Dass der Kampf um Kobane für die USA jedoch nicht oberste Priorität hat, ließ zuletzt die Sprecherin im US-Außenministerium, Jen Psaki, durchblicken. Es werde noch andere Dörfer und Städte in Syrien geben, die ebenfalls bedroht würden, hatte sie am Mittwoch gesagt. «Wir müssen uns hier auf unsere strategischen Komponenten konzentrieren - das sind Kommando- und Kontrollzentren, das sind Ölraffinerien», betonte Psaki. Pentagonsprecher John Kirby versicherte jedoch: «Wir tun aus der Luft alles, was wir können.» Luftangriffe allein würden Kobane aber nicht retten können, räumte auch er ein.

Die EU-Innenminister vereinbarten in Luxemburg, künftig verstärkt gewaltbereite Europäer, die sich etwa der IS-Terrormiliz anschließen wollen, an den Außengrenzen der EU zu stoppen. So sollen bestimmte Reisende - etwa alle Passagiere eines Flugzeugs aus einer kritischen Region - ab sofort wieder systematisch an der Grenze kontrolliert werden. Dabei sollen Zöllner die Pässe elektronisch mit der europaweiten Fahndungsbank SIS sowie der Interpol-Datenbank überprüfen, um potenzielle Terroristen zu entdecken.

Türkei hält sich zurück

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte: «Wir wollen nicht, dass aus Europa, aus Deutschland Terror exportiert wird. Und wir wollen erst recht nicht, dass ausgebildete Kämpfer nach Europa und Deutschland zurückkehren und gegebenenfalls hier Anschläge planen.»

Die Türkei, die Panzerverbände in Schuss- und Sichtweite von Kobane an ihrer Südgrenze stationiert hat, ist trotz des drohenden Falls von Kobane nicht bereit, allein gegen die Terroristen vorzugehen. «Dass nur die Türkei ganz alleine eine Bodenoperation unternimmt, ist kein realistischer Ansatz», sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu nach einem Treffen mit dem neuen Nato- Generalsekretär Jens Stoltenberg am Donnerstag in Ankara. Das internationale Bündnis gegen den IS müsse sich auf eine gemeinsame Strategie einigen.

Bedrohung für Nato-Staaten

Stoltenberg sagte, die Türkei sei ein wichtiger Nato-Partner. Der IS sei nicht nur eine Bedrohung für Syrien und den Irak, sondern auch für Nato-Staaten. «Die Nato steht bereit, alle Alliierten dabei zu unterstützen, ihre Sicherheit zu verteidigen.» Er verwies dabei auf die Patriot-Raketen auch der Bundeswehr in der Türkei zum Schutz gegen Angriffe aus Syrien. «Die Nato spielt ihre Rolle.» Anschließend stand auch eine Unterredung mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan auf Stoltenbergs Programm. Einzelheiten des protokollarischen Treffens wurden jedoch nicht bekannt.

Cavusoglu wies Vorwürfe zurück, die Türkei engagiere sich nicht genug im Kampf gegen den IS. «Wir sind nie zurückhaltend gewesen», sagte er. Er erneuerte die türkische Forderung nach einer Schutz- und einer Flugverbotszone in Syrien. Stoltenberg sagte, die Errichtung solcher Zonen würden in der Nato derzeit nicht diskutiert.

Proteste in der Türkei

Cavusoglu betonte, Teil der internationalen Strategie gegen den IS müsse der Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad sein. Solange das Assad-Regime an der Macht sei, würden Blutvergießen und Massaker in Syrien andauern. Bei Protesten von Kurden in der Türkei gegen die abwartende Haltung der Regierung starben seit Dienstag nach neuen Angaben mindestens 24 Menschen.

Die Militärchefs der Koalition zum Kampf gegen IS wollen nun bei einem Treffen auf höchster Ebene am kommenden Montag und Dienstag über ihre Strategie im Irak und in Syrien diskutieren. Dazu habe US-Generalstabschef Martin Dempsey mehr als 20 seiner Kollegen eingeladen, sagte ein Angehöriger des US-Militärs der Nachrichtenagentur dpa. Um den Fall Kobanes mit einem Strategiewechsel zu verhindern, könnte es jedoch schon zu spät sein.

Syriens Regierung wandte sich gegen die Einrichtung einer Pufferzone. Vize-Außenminister Faisal al-Mekdad kritisierte nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Sana dabei vor allem Frankreich, nachdem Paris die Idee Ankaras unterstützt hat. Damaskus wertet das nach Sana-Angaben als Angriff auf die Souveränität Syriens. Sollten die IS-Dschihadisten Kobane erobern, hätten sie einen, durchgängigen Grenzstreifen zur Türkei unter ihrer Kontrolle.

(L'essentiel/dpa)

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