Rheinland-Pfalz – Flüchtlinge als Ziel von sexueller Gewalt

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Rheinland-PfalzFlüchtlinge als Ziel von sexueller Gewalt

LUDWIGSHAFEN - Traumatisierte Flüchtlinge können sich seit Juli an ein neues Zentrum wenden. Inzwischen werden dort vermehrt Opfer sexueller Gewalt registriert.

Flüchtlinge leiden vielfach unter massiver psychischer Belastung.

Flüchtlinge leiden vielfach unter massiver psychischer Belastung.

DPA/Thomas Frey

Beim psychosozialen Beratungszentrum für Flüchtlinge in Ludwigshafen suchen knapp zehn Monate nach dem Start vermehrt Frauen Hilfe, die Opfer sexueller Gewalt wurden. Das berichtet die Sprecherin des Diakonischen Werks Pfalz, Eva Stern. Als Beispiele nennt sie Vergewaltigung und Genitalverstümmelungen sowie sexuelle Übergriffe. «Außerdem sind einige Ratsuchende auch Opfer häuslicher Gewalt in Deutschland geworden.»

Zudem würden vor allem bei Flüchtlingen aus den Balkanstaaten und vermehrt aus Afghanistan angesichts einer drohenden Abschiebung «vielfache Belastungsreaktionen und eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit» festgestellt. «Die Probleme äußern sich häufig in Schlafstörungen, Übererregung und leichter Reizbarkeit, Aggressivität und Substanzmittelkonsum.» Albanien, Kosovo und Montenegro wurden im Oktober zu sicheren Herkunftsländern erklärt - wer von dort kommt und Asyl beantragt, hat es nun schwerer.

Syrien am stärksten vertreten

103 Menschen hatten bislang einen oder mehrere Termine im Psychosozialen Zentrum Pfalz (PSZ), dessen Angebot sich vor allem an Opfer von Folter und Gewalt sowie an schwer psychisch oder körperlich Kranke richtet. Darunter sind 40 Frauen und 63 Männer, 14 von ihnen Minderjährige. Mit 26 Patienten ist Syrien am stärksten vertreten, gefolgt von Afghanistan (19), Kosovo (14), Serbien (7), Pakistan (6), Albanien (5), Irak (3), Eritrea (2). Auch Menschen aus Russland, Ägypten und Bosnien sowie aus Georgien, Iran und Palästina suchen Hilfe. Landesweit gibt es fünf solcher Beratungsstellen.

Viele der Besucher haben nach Angaben des Zentrums in der Heimat und auf der Flucht traumatisierende Erfahrungen gemacht. Vielen mache auch die Unsicherheit über den Ausgang des Asylverfahrens zu schaffen, ebenso das Leben in einer fremden Kultur. Während es einigen aufgrund ihrer seelischen Konstitution und stabiler Bindungen gelinge, die schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten und sich gut zu integrieren, litten andere an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sie entsteht, wenn ein Mensch Todesängste ausstand oder in Todesgefahr war.

Nachfrage gestiegen

Die beiden Mitarbeiter des Zentrums – eine Pfarrerin, die unter anderem in der Beratung von traumatisierten Menschen weitergebildet wurde, und ein Diplom-Psychologe – versuchen, den Betroffenen zu helfen und sie an Fachärzte zu vermitteln. Sie beraten auch im Asylverfahren. Zudem werden Gutachten zur Frage der Behandlungsbedürftigkeit erarbeitet. Damit kann ein Flüchtling bei der Sozialverwaltung einen Behandlungsschein beantragen. In den Gutachten wird auch angesprochen, wie sich der gesundheitlichen Verlauf bei einer Abschiebung entwickeln würde.

«Die Nachfrage nach Gutachten und psychosozialer Beratung ist gleichermaßen gestiegen», berichtet Stern. Außerdem bäten immer mehr Einrichtungen und Behörden um Unterstützung für minderjährige Flüchtlinge. «Insgesamt ist der Bedarf an Beratung und Therapie wesentlich höher, als die Stellenanteile abdecken können.» Als Erfolg werten die Mitarbeiter des Zentrums, dass die psychologischen Stellungnahmen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren Abschiebungen verhindern konnten. Zudem zeigten die stabilisierenden Maßnahmen bei vielen Klienten nach einiger Zeit Erfolge. «Auch konnte in einigen Fällen eine Beschleunigung des Asylverfahrens erwirkt werden.»

(L'essentiel/dpa)

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