Winter in Calais – «Flüchtlinge hausen hier oft Monate lang wie Tiere»

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Winter in Calais«Flüchtlinge hausen hier oft Monate lang wie Tiere»

Ratten, Asbest, Krätze: Die Lage im französischen Flüchtlingscamp «Dschungel» ist für die 4500 Bewohner unvorstellbar.

Peitschender Regen, eisige Kälte: Der Winter hat Einzug in der französischen Hafenstadt Calais gehalten. Er trifft auch die rund 4500 Flüchtlinge, die hier im sogenannten «Dschungel» leben, einem inoffiziellen Flüchtlingslager. Die meisten von ihnen wollen nach Großbritannien, kilometerlange Zäune am Hafen und den Zufahrten zum Eurotunnel sollen dies verhindern.

Große Hilfswerke wie das Rote Kreuz, Save the Children oder das UNO-Flüchtlingshilfswerk fehlen in Calais. Das liege daran, dass das Camp nicht als offizielles Flüchtlingslager deklariert sei, so das UNHCR. Die Menschen sind auf die Hilfe kleinerer Organisationen und Freiwilliger angewiesen. Diese reicht nicht aus für die Tausenden gestrandeten Menschen.

Ratten, Fäkalien, Asbest

Die hygienischen Bedingungen im Camp seien «diabolisch», hieß es in einer Studie der University of Birmingham: überlaufende Toiletten, Müllberge, Matsch. Pro 75 Flüchtlinge gebe es ein WC. Das Trinkwasser sei mit Fäkalien verschmutzt, überall rennten Ratten und Mäuse herum. «Flüchtlinge hausen hier oft Monate lang wie Tiere», schreibt auch die Wirtschaftswoche. «Schlimmer noch, denn Tiere wissen, wie man in der freien Natur überlebt.»

Das Camp sei außerdem voll mit krebserregendem Asbest, berichtete der britische TV-Kanal Channel 4. Einige Flüchtlinge nutzten sogar Asbest-Blöcke, um ihre Zelte zu beschweren.

Krätze, Abszesse, Depressionen

Mangelnde Hygiene führt zu Krankheiten: Tuberkulose, Durchfall, Mangelernährung, Atemwegserkrankungen sind weit verbreitet, Ärzte warnen vor einer Krätze-Epidemie. «Hier herrscht mehr Chaos als in den ärmsten Ländern der Welt», sagte Pauline Busson, Leiterin von Ärzte ohne Grenzen, die seit September in Calais tätig sind, dem «Time»-Magazin. Die meisten ihrer Ärzte hätten in Entwicklungsländern gearbeitet, seien aber schockiert von den Zuständen im Dschungel gewesen. Freiwillige berichten, dass immer mehr Flüchtlinge Depressionen hätten. Viele litten unter den armseligen Bedingungen und griffen zu Alkohol und Drogen.

Jonathan Gollings, ein Zahnarzt der britischen Hilfsorganisation Dentaid erzählte, im Schnitt seien acht Menschen pro Tag mit Abszessen zu ihm gekommen, als er im Oktober im Camp war. Er und sein Team hätten die Menschen unter freiem Himmel behandelt. «Die Bedingungen da draußen sind entsetzlich. Es ist kalt, nass und trist», sagte er BBC.

Tränengas, Feuer, Schläge

Seit den Anschlägen von Paris werden die Anwohner und Behörden zunehmend nervös. Auch in Calais fanden Razzien statt. «Die Menschen sagen, die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist hier im ‹Dschungel›. Doch hier gibt es keinen IS», sagt Adam (32) aus dem Sudan. Der Sudanese kam vor vier Monaten in den «Dschungel», nachdem Regierungstreue seine Frau ermordet hatten.

Immer wieder brechen Raufereien zwischen Flüchtlingen und Polizisten aus. Bewohner des «Dschungels» berichten, sie seien mit Tränengas angegriffen worden, andere wurden von Anwohnern nahe des Camps attackiert. Schleuserbanden drangsalieren die Migranten, Gewalttaten und Diebstahl sind an der Tagesordnung. Am Wochenende brannten erneut etwa 20 Zelte, zwei Flüchtlings wurden verletzt. Viele Frauen fürchten sich vor sexuellen Übergriffen.

Maßnahmen reichen nicht aus

Ob sich die Zustände im «Dschungel» bald bessern, ist unklar. Die gerichtliche Anordnung Anfang November, weitere Wasserstellen und Latrinen bereitzustellen, wurde bislang wegen eines Rekurses nicht umgesetzt. Auch die geplanten beheizten Wohncontainer sollen bloß Schutz für rund 1500 der 4500 Menschen bieten.

«Ich wäre lieber in meinem eigenen Land gestorben», sagte Muhammed, ein 26-jähriger Syrer, der aus Aleppo floh, dem Time Magazine. «Zumindest wäre ich dann in Ehre gestorben.» Die Wirtschaftswoche schreibt: «Der ‹Dschungel› in Calais ist eine Schande für ein Land, das sich als Wiege der Menschenrechte betrachtet.»

Ein Eindruck aus dem «Dschungel»: Das Flüchtlingscamp wird vom Sturm gepeitscht.

(L'essentiel/cfr)

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