Toter Despot – Gaddafi aus nächster Nähe erschossen

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Toter DespotGaddafi aus nächster Nähe erschossen

Wurde Gaddafi hingerichtet? Der Ex-Diktator wurde durch Schüsse in Kopf und Bauch getötet, wie ein Arzt nach der Obduktion mitteilt. Die Rebellen haben eine andere Version.

Libyens Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi starb nach Einschätzung eines Arztes durch «Schüsse aus nächster Nähe in Kopf und Bauch». Ein Mediziner im Spital von Misrata, der Gaddafis Leiche untersucht habe, sei zu diesem Schluss gelangt, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arabija am Freitag.

Dies könnte auf eine Hinrichtung nach der Gefangennahme hindeuten. Ein Kämpfer der Nationalrats-Milizen, der nach eigenen Angaben am Donnerstag bei Gaddafis Festnahme in Sirte dabei war, stellte die Situation am Freitag in einem Gespräch mit dem Nachrichtensender Al Jazeera anders dar.

Feuergefecht ausgebrochen

Nach einem heftigen Feuergefecht mit seinen Leibwächtern am Zugang zu dem Abwasserrohr, in dem er sich versteckt hielt, habe sich Gaddafi ohne weitere Schwierigkeiten festnehmen lassen, sagte der Milizionär Osama al-Tajib.

«Wir übergaben ihn dem Sicherheitskomitee», führte er weiter aus. «Doch dann brach ein Gefecht zwischen den Gaddafi-Loyalisten und den Revolutionären aus.» Gaddafi sei dabei durch Schüsse an Kopf und Brust getroffen worden. «Wir legten ihn in einen Ambulanzwagen, ein Arzt machte Wiederbelebungsversuche, aber er starb.»

Wurde Gaddafi exekutiert?

Insbesondere britische Zeitungen zweifeln an der Darstellung der Rebellen, Gaddafi sei bei einer Schießerei nach der Festnahme ums Leben gekommen. der «Daily Telegraph» vermutete bereits gestern, dass Gaddafi exekutiert wurde. Dafür würde das Video sprechen, auf welchem Gaddafi keine blutigen Hosen trage, obwohl er nach Aussagen von Rebellen ins Bein getroffen wurde. Ein späteres Foto zeige eine sauberes Einschussloch an der linken Schläfe

Das Boulevardblatt «Daily Mail» ist sich sicher, dass der Machthaber nicht zufällig starb. Gaddafi sei von einem wütenden Mob «wie ein Hund» erschossen worden, nachdem er die Rebellen um Gnade gebeten und gefragt hatte: «Was habe ich euch denn angetan?»

«Wir wollen ihn lebend!»

«CNN» zitiert eine Äußerung von Ali Suleiman Aujali, Mitglied des nationalen Übergangsrates, wonach der Rat Gaddafi lebend wollte. In einem Video von Gaddafis Festnahme vernehme man im Hintergrund eine Stimme, die fordere: «Nein, nein, wir wollen ihn lebend, wir wollen ihn lebend!»

Die «New York Times» ist ebenfalls der Meinung, dass die Bilder und Videos der wütenden Soldaten und des verängstigten Gaddafis der Schießerei-Version nicht wirklich übereinstimmen. Die Verwirrung um den Tod Gaddafis wirft für die US-Zeitung die Frage auf, inwiefern der Übergangsrat die untereinander konkurrierenden Milizen unter Kontrolle habe. «Die unterschiedlichen Versionen wie Gaddafi starb, reflektieren die Instabilität, welche Libyen noch lange nach dem Schwinden der Euphorie beschäftigen könnte.»

Leiche bereits begraben?

Am Abend befand sich die Leiche Gaddafis sowie die seines ebenfalls in Sirte getöteten Sohnes Mutassim in einem Haus in der weiter westlich gelegenen Küstenstadt Misrata, wie zwei AFP-Fotografen berichteten. Die Leiche lag demnach mit entblößtem Oberkörper und blutverschmiertem Bauch da. Augenzeugen berichteten, die Leiche Gaddafis zuvor in einem Einkaufszentrum gesehen zu haben.

Anscheinend wurde Muammar Gaddafi bereits begraben. Mahmud Dschibril erklärte, der Übergangsrat habe am Donnerstag, nachdem Gaddafi getötet worden sei, Kontakt mit dem Internationalen Strafgerichtshof aufgenommen. Das Gericht habe die Libyer gebeten, Gaddafi vorerst nicht zu begraben, damit der Leichnam untersucht werden könne. Der Übergangsrat habe jedoch anders entschieden. Allerdings hätten Ärzte Haar- und Gewebeproben von der Leiche genommen, um keine Zweifel an der Identität des Getöteten aufkommen zu lassen. Al Jazeera berichtet allerdings, Gaddafis Leichnam werde zurzeit in einer Moschee in Misrata aufgebahrt.

«Diese Geschichte ist zu Ende»

Angesichts der teils widersprüchlichen Darstellungen über die Tötung Gaddafis sagte Militärsprecher Oberst Ahmed Bani dem Fernsehsender Al Dschasira: «Ich kann jedermann in Libyen versichern, dass Gaddafi ganz gewiss getötet wurde, und ich bin ganz sicher, und ich versichere jedermann, dass diese Geschichte zu Ende und dieses Kapitel abgeschlossen ist.»

Die siegreichen Kämpfer in Sirte – dieselbe bunt zusammengewürfelte Truppe, die vor acht Monaten den Aufstand begann – sprangen freudetrunken umher, zeigten das Siegeszeichen und trampelten auf der grünen Flagge des Gaddafi-Regimes herum. «Unsere Kräfte haben das letzte Viertel von Sirte unter Kontrolle», sagte Hassan Droua vom Nationalen Übergangsrat in Tripolis der AP. «Die Stadt ist befreit.»

L'essentiel Online/mlu/sda/dapd

Saif al Islam verletzt

Der Tod Gaddafis räumt die von vielen gehegte Befürchtung aus, dass der gestürzte Herrscher tief in die Wüste fliehen und von dort aus den Widerstand organisieren könnte. Auch seine letzten im Land verbliebenen Söhne, Saif al Islam und Muatassim sowie viele andere frühere Führungspersonen aus dem Gaddafi-Regime, sind aus dem Weg geräumt. Saif al Islam wurde verwundet und festgenommen, Muatassim getötet. Die verbleibenden Anhänger des Wüstendespoten sind ohne Gaddafi machtlos.

Der Kämpfer Adel Bussamir, der dabei gewesen sein will, schilderte der Fernsehnachrichtenagentur APTN das letzte Gefecht um einen noblen Gebäudekomplex, den das Gaddafi-Regime als Gästehaus für hohe Besucher hatte bauen lassen. Der Konvoi habe auszubrechen versucht, sei aber getroffen worden und wieder auf das Gelände zurückgekehrt. Mehrere hundert Kämpfer hätten den Komplex angegriffen. «Dort fanden wir ihn», sagte Bussamir. Er habe gesehen, wie Gaddafi geschlagen worden sei und jemand mit einer Pistole auf ihn geschossen habe. «Dann brachten sie ihn weg.»

Bei dem Angriff in Sirte wurde Saif al Islam verletzt, der lange als Nachfolger des Machthabers gehandelt worden war, sagte Justizminister Mohammed al Alagi. Verschiedene Medien berichteten allerdings, dass auch Saif al Islam getötet wurde.

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