Libyen – Gaddafi befindet sich noch in Tripolis

Publiziert

LibyenGaddafi befindet sich noch in Tripolis

Die Rebellen kontrollieren Tripolis weitgehend. Muammar Gaddafi wird immer mehr in die Enge getrieben - gemäß dem Pentagon soll er sich aber immer noch in der Hauptstadt aufhalten.

Ein halbes Jahr nach dem Beginn des Aufstandes gegen Muammar al-Gaddafi steht das libysche Regime vor dem Ende. Rebellenkämpfer lieferten sich am Montag schwere Gefechte um die Residenz Gaddafis in der Hauptstadt Tripolis, ohne dass der Aufenthaltsort des seit 42 Jahren herrschenden Gaddafi bekannt war.

Ein dpa-Mitarbeiter berichtete am Vormittag, es seien Schüsse und schwere Detonationen zu hören. Zwei Söhne des Despoten wurden festgenommen, ein dritter unter Hausarrest gestellt. Nachdem es in der Nacht Jubelfeiern im Zentrum der Hauptstadt gegeben hatte, harrten Zivilisten am Montag in ihren Wohnungen aus.

Libyens gestürzter Machthaber Muammar al-Gaddafi hält sich dabei nach Meinung der USA weiterhin in dem Land auf. «Wir haben keine Informationen darüber, dass er das Land verlassen hat», sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, David Lapan, am Montag vor Reportern in Washington, wie der Nachrichtensender CNN berichtete.

Internet funktioniert wieder

«Heute ist der Tag der Entscheidung», sagte der Militärsprecher der Aufständischen in Bengasi, Ahmed al-Bani, der Nachrichtenagentur dpa in einem Telefoninterview. Die Niederlage der Truppen Gaddafis sei unabwendbar. Nach seinen Worten haben die Aufständischen bereits knapp 95 Prozent der Hauptstadt unter ihrer Kontrolle.

Kämpfe gebe es noch um das Gebäude des Staatsfernsehens, meldeten die Aufständischen auf ihren Internetseiten. Der Mobilfunkanbieter Libyana sei von Rebellenkämpfern besetzt. Einwohner berichteten, das Internet in der Hauptstadt funktioniere wieder. Auch gebe es Wasser und Strom.

Nach übereinstimmenden Berichten internationaler Sender gab es noch schwere Gefechte rund um das Hauptquartier und die Residenz Gaddafis in Bab Al-Asisija in Tripolis. Dort leisteten die Gaddafi-Milizen, unterstützt von Panzern, noch erbitterten Widerstand.

Aufenthaltsort von Gaddafi unbekannt

Ob sich auch Gaddafi dort aufhielt, war nicht klar. Frühere Berichte, wonach Gaddafi um Asyl in Südafrika gebeten habe, wurden am Montag in Johannesburg energisch dementiert. Außenministerin Maite Nkoana-Mashabane betonte, dass ihr Land auch keine Flugzeuge nach Libyen geschickt habe, wie dies in manchen Medien berichtet worden sei. Sie wisse auch nicht, wo sich Gaddafi derzeit aufhalte und welche Pläne er habe.

In der Nacht zum Montag streckte Gaddafis Leibgarde die Waffen, wie Sprecher der Aufständischen im Sender Al-Dschasira berichteten. Am frühen Montagmorgen brachten die Rebellen auch den Grünen Platz im Herzen von Tripolis unter ihre Kontrolle. Fernsehsender zeigten Hunderte Menschen, die auf dem Platz in der Nähe des Anwesens von Gaddafi feierten und Freudenschüsse abgaben. In der Rebellenhochburg Bengasi und anderen Städten wurden in der Nacht Feuerwerkskörper gezündet und Freudenschüsse abgefeuert.

Obama sieht Libyen am Wendepunkt

In der Hoffnung auf ein schnelles Ende des Konflikts im Ölförderland Libyen sanken am Montag die Ölpreise weiter. Libyen ist Mitglied der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) und musste die Ölförderung wegen des Bürgerkriegs in den vergangenen Monaten zeitweise einstellen.

US-Präsident Barack Obama sieht Libyen vor dem Wendepunkt. Tripolis entgleite dem «Griff eines Tyrannen», das Regime zeige Anzeichen des Zusammenbruchs, erklärte Obama am Sonntagabend (Ortszeit) nach einer Mitteilung des Weißen Hauses in Washington. Der sicherste Weg, um das Blutvergießen zu beenden, sei einfach: «Muammar al-Gaddafi und sein Regime müssen erkennen, dass ihre Herrschaft zu einem Ende gekommen ist.» Aus den Szenen in Tripolis sei ersichtlich, «dass das Ende für Gaddafi nahe ist», heißt es in einer Erklärung des britischen Premiers David Cameron.

«Das Gaddafi-Regime bröckelt eindeutig»

Auch die Nato rechnet mit einem schnellen Ende des Regimes. «Heute können wir anfangen, eine neue Zukunft aufzubauen», erklärte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen in der Nacht zum Montag in Brüssel. «Das Gaddafi-Regime bröckelt eindeutig.» Rasmussen forderte Gaddafi und seine Truppen auf, die Macht niederzulegen. «Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, ein neues Libyen zu schaffen - einen Staat, der auf Frieden beruht, nicht auf Angst; Demokratie, nicht Diktatur; dem Willen aller, nicht den Launen weniger.»

Im Westen von Tripolis nahmen die Rebellen laut Al-Dschasira drei Söhne von Gaddafi gefangen, darunter den mit internationalem Haftbefehl gesuchten Saif al-Islam. Er sei gemeinsam mit seinem Bruder Al-Saadi in einem Touristendorf festgesetzt worden, berichtete ein Sprecher der Aufständischen, Abu Bakr al-Tarbulsi. Der älteste Sohn, Mohammed al-Gaddafi, wurde in seinem Anwesen unter Hausarrest gestellt. Die Aufständischen würden für seine Sicherheit garantieren, sagte Mohammed al-Gaddafi in der Nacht zum Montag in einem Telefoninterview des Fernsehsenders Al-Dschasira.

Internationale Haftbefehle

Gegen Gaddafi, seinen Sohn Saif al-Islam und seinen Schwager, den Geheimdienstchef Abdullah Senussi, liegen internationale Haftbefehle vor. Ihnen werden schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofes (IStGH) rief den libyschen Übergangsrat in Bengasi deshalb auf, Saif al-Islam nach Den Haag zu überstellen.

Gaddafi im TV

Gaddafi selbst wandte sich am späten Sonntagabend zum dritten Mal an diesem Tag an seine Anhänger. In einer Audio-Botschaft beschwor er im Staatsfernsehen seine Gefolgsleute: «Ihr müsst auf die Straße gehen, um die Ratten und Verräter zu bekämpfen. Alle Stämme müssen nach Tripolis marschieren, um es zu beschützen. Wenn nicht, werdet Ihr Sklaven der Kolonialisten werden.» Plötzlich stoppte seine Stimme. Für die Unterbrechung der Nachricht gab es keine Erklärung. Unklar war, von wo aus Gaddafi gesprochen hatte.

L'essentiel Online/dpa

Asselborn fordert Zukunftspläne für Libyen

Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn hat in einem Gespräch mit dem «Tageblatt» gefordert, den Gaddafi-Clan vor den Internationalen Gerichtshof zu stellen. Die nächsten Tage seien für die Zukunft des Landes von großer Bedeutung. Asselborn zufolge ist die Nato-Mission nun zu Ende. Die UN müsse übernehmen und zusammen mit dem libyschen Übergangsrat die Zukunft vorbereiten, wobei sich auch die EU an den Entwickungen beteiligen solle.

Deine Meinung