Asbest in Gebäuden – «Gefahrenquellen gibt es immer noch»

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Asbest in Gebäuden«Gefahrenquellen gibt es immer noch»

LUXEMBURG - Lange Zeit galt Asbest als Wunderfaser, inzwischen wird er als tödlicher Stoff eingestuft. Trotz Verbots der Verwendung lauern immer noch Gefahrenstellen.

Feinste Asbestfasern, die über die Atemwege in die Lunge gelangen, können innerhalb von 15 bis 40 Jahren tödliche Krankheiten auslösen. (Bild: Keystone)

Feinste Asbestfasern, die über die Atemwege in die Lunge gelangen, können innerhalb von 15 bis 40 Jahren tödliche Krankheiten auslösen. (Bild: Keystone)

Das Urteil im größten europäischen Asbest-Prozess ist gesprochen. Am Montag verurteilte ein Gericht im italienischen Turin den Schweizer Milliardär und Unternehmer Stephan Schmidheiny und seinen belgischen Geschäftspartner Baron Louis de Cartier zu jeweils 16 Jahren Gefängnis. Die beiden werden dafür verantwortlich gemacht, dass 3000 Mitarbeiter unter den Folgen der Asbest-Verarbeitung in den italienischen Eternit-Werken litten oder daran gestorben sind.

In Luxemburg ist die Verwendung von Asbest seit 2001 verboten. «Die größte Gefahr kann man heutzutage ausschließen», sagt Robert Huberty, stellvertretender Direktor der Arbeitsaufsichtsbehörde ITM, auf Anfrage von L’essentiel Online. Obwohl der direkte Kontakt mit dem tödlichen Stoff heute kaum möglich sei, seien jedoch noch nicht alle Gefahrenquellen beseitigt, erklärt Huberty.

250 asbestbelastete Baustellen in Luxemburg 2011

So könnte Asbest in gebundener Form in älteren Gebäuden oder Haushaltsgeräten noch enthalten sein. «Gefährlich für die Gesundheit wird’s, wenn die alten Gebäude umgebaut oder abgerissen werden. Dann kann der Stoff in die Atemluft gelangen», so Huberty. Die ITM verfügt über eine spezielle Einheit, die den möglichen Austritt von Asbest auf größeren Baustellen überwacht. Die Kontrolleure sind geschult und achten besonders darauf, dass Sicherheitsmaßnahmen wie etwa das Tragen von Masken eingehalten wird. «Im vergangenen Jahr haben wir 250 Baustellen registriert, auf denen Bauarbeiter in irgendeiner Form Asbest ausgesetzt waren», berichtet der ITM-Direktor.

Nach Angaben des Arbeitsministeriums hatten 2009 noch 634 Angestellte in Luxemburg einen direkten Kontakt mit Asbest, vor allem im Baugewerbe (61 Prozent) und in der Metallindustrie (20 Prozent).

Asbest-Fälle in der Vergangenheit

Auch wenn Asbest in den 1960er und 1970er Jahren als Wunderfaser galt, geriet er Ende der 1980er Jahre wegen zahlreicher Todesfälle in Verruf. Gebäude, die mit Asbest verseucht waren, wurden entweder komplett saniert oder abgerissen.

Dieses Schicksal musste etwa das Gebäude Alcide-De-Gasperi auf dem Kirchberg in Luxemburg-Stadt durchmachen, weil es mit asbesthaltigen Materialien belastet war. Der 23-stöckige Bau, der seit 1965 von den EU-Institutionen genutzt wird und in dem jetzt das Luxemburger Nachhaltigkeitsministerium sitzt, wurde 2001 komplett saniert. 1999 wurde Asbest auch in der Europäischen Schule auf dem Kirchberg gefunden. Auch die alte Gaszentrale von ArcelorMittal in Esch-sur-Alzette ist mit dem schädlichen Stoff verseucht.

Neun Asbest-Opfer zwischen 2005 und 2010

Immer noch sterben Menschen an den Nachwirkungen des Minerals. Nach Angaben der Luxemburger Unfallversicherung (Association d’assurance accident – AAA) sind in Luxemburg zwischen 2005 und 2010 neun Personen an den Folgen einer Asbestexposition gestorben. Neuere Zahlen waren bei der AAA auf Anfrage vorerst nicht zu erfahren.

Irina Figut/ L'essentiel Online

Asbest, die gefährliche Altlast

Wegen seiner Feuer- und Säurebeständigkeit galt Asbest in den 1960er und 1970er Jahren als Wunderfaser. Verwendung fand der weit verbreitete Stoff vor allem in der Bau- und in der Autoindustrie.

Das Mineral wurde unter anderem zu Dachplatten, Fassadenverkleidungen, Bremsbelägen und Wasserrohren verarbeitet. Auch in älteren Haushaltsgeräten wie Elektrospeicheröfen, Toastern und Haartrocknern kann Asbest enthalten sein.

Durch Bearbeitung und Zerstörung asbesthaltiger Produkte, aber auch durch klimatische Einflüsse, Alterung und Zerfall kann Asbeststaub in die Atemluft gelangen. Werden Asbestfasern eingeatmet, kann das zu einer chronischen Entzündung in der Lunge und zu Krebs führen.

In der Theorie kann bereits eine einzige Faser ausreichen, um Krebs zu erzeugen. Das Risiko steigt, je länger und intensiver man den Fasern ausgesetzt ist. Wer mit Asbest in Kontakt kommt, hat nach rund zehn Jahren ein erhöhtes Risiko, an Asbestose zu erkranken. Eine geringe Menge eingeatmeter Fasern kann noch nach 30 Jahren Krebs auslösen.

Heute stellt Asbest vor allem ein Entsorgungsproblem dar. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts war bekannt, dass das Einatmen von Asbeststaub krank macht. (dpa)

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