Nach Tsunami – Gehbehinderter schwimmt 13 Kilometer an Land
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Nach TsunamiGehbehinderter schwimmt 13 Kilometer an Land

Die Wellen überraschten den Einwohner einer Kleinstinsel in seinem Wohnhaus. Nachdem er von ihnen aufs offene Meer gezogen wurde, kämpft er sich einen ganzen Tag lang zurück.

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Lisala Folau (Zweiter von links) ist nach dem Tsunami vor Tonga am vergangenen Samstag über 24 Stunden lang im offenen Meer getrieben.

Lisala Folau (Zweiter von links) ist nach dem Tsunami vor Tonga am vergangenen Samstag über 24 Stunden lang im offenen Meer getrieben.

via REUTERS
Er befand sich zu Hause auf der kleinen Insel Atata, die zum Inselstaat Tonga gehört, als die Wellen eintrafen.

Er befand sich zu Hause auf der kleinen Insel Atata, die zum Inselstaat Tonga gehört, als die Wellen eintrafen.

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Atata liegt rund zehn Kilometer von der Hauptinsel Tongatapu entfernt. Dorthin kämpfte er sich über 13 Kilometer zurück.

Atata liegt rund zehn Kilometer von der Hauptinsel Tongatapu entfernt. Dorthin kämpfte er sich über 13 Kilometer zurück.

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Ein Bewohner des Inselstaates Tonga ist nach dem Ausbruch eines Unterseevulkans und dem darauffolgenden Tsunami am vergangenen Samstag insgesamt 26 Stunden lang im offenen Meer getrieben. Verwandte von Lisala Folau berichteten erstmals einer lokalen Radio-Journalistin vom Fall, wie die britische Zeitung «The Guardian» schreibt. Das Schicksal von Folau, der unter einer Gehbehinderung leidet, wurde seither in den sozialen Medien rege geteilt.

Der Mann, der früher als Zimmermann arbeitete, bemalte gerade zusammen mit Familienmitgliedern sein Haus auf der kleinen Insel Atata, rund zehn Kilometer von der Hauptinsel Tongatapi entfernt. Als sie vom Vulkanausbruch hörten, versuchten sie sofort, in höhere Lagen zu flüchten. «Sie müssen bedenken, dass ich nicht richtig gehen kann … ein Baby bewegt sich schneller als ich», erklärte er nach seiner Tortur im Radio. Nachdem eine erste Welle an Land gerollt war, meinten sie, es sei vorbei, und stiegen von den Bäumen, auf die sie geklettert waren, nieder – nur um von einer zweiten Welle überrascht zu werden, die Folau und seine Nichte auf die offene See zog. Es war 19 Uhr abends.

Behörden berichten von drei Todesopfern – Schicksal der Nichte ungewiss

«Meine Nichte und ich waren plötzlich auf offener See. Wir riefen einander zu, doch nach einer Weile konnten wir den anderen nicht mehr hören.» Seinen Sohn, der an Land geblieben war, konnte der Mann noch hören. Doch er wollte nicht, dass dieser versuchte ihn zu retten. Also blieb er still. «Hätte ich nach ihm gerufen, wäre er ins Wasser gekommen und hätte versucht mich zu retten. Ich dachte, im schlimmsten Fall trifft es nur mich.»

Dann wurde es dunkel. Folau hielt sich an einem herumtreibenden Ast fest. Überleben konnte er auch dank der Gedanken an seine Familie. «Ich dachte an meine Schwester, die an Diabetes leidet, und an meine Tochter, die Herzprobleme hat. All dies ging mir durch den Kopf.» Am Morgen des nächsten Tages sah Folau ein Polizei-Boot vorbeifahren. «Ich fuchtelte mit den Armen, doch sie sahen mich nicht.» Offenbar wusste der im Wasser Treibende, wo er sich befand. Während rund acht Stunden schwamm er zur nahegelegenen Insel Polo’a. Doch als er um 18 Uhr dort eintraf, war niemand dort. Also entschied er sich um. «Mein Ziel war mui’i Sopu.» Das ist der Name des westlichen Zipfels der Hauptinsel von Tonga Tongatapu. Noch einmal rund drei Stunden und zwei Kilometer später – es war mittlerweile 21 Uhr am Tag nach dem Vulkanausbruch – schaffte es Folau an Land. Mit letzter Kraft schleppte er sich an eine nahegelegene Straße , wo ein vorbeifahrendes Auto anhielt und ihn mitnahm.

Noch ist unklar, was mit seiner Nichte und den weiteren Familienmitgliedern passiert ist, die sich zum Zeitpunkt des Tsunamis ebenfalls auf der kleinen Insel Atata aufhielten. Insgesamt hätten die Behörden in Tonga bislang drei Todesopfer nach dem Vulkanausbruch gemeldet. Keine von diesen hätten sich auf Atata aufgehalten.

(L'essentiel/Patrick McEvily)

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