Morddrohungen und Sexismus – Gesinnungskrieg erschüttert Gameszene

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Morddrohungen und SexismusGesinnungskrieg erschüttert Gameszene

Die Gamer-Gemeinde wird durch eine heftige Kontroverse erschüttert. Gibt es «den Gamer» überhaupt noch, oder hat es ihn gar nie gegeben?

Fast schon barbarische Zustände herrschen derzeit innerhalb der Gamerszene. Eine Diskussion über Ethik im Spiele-Journalismus ist ausser Kontrolle geraten. (Bild: Keystone/AP/Martin Meissner)

Fast schon barbarische Zustände herrschen derzeit innerhalb der Gamerszene. Eine Diskussion über Ethik im Spiele-Journalismus ist ausser Kontrolle geraten. (Bild: Keystone/AP/Martin Meissner)

Sexismus, Korruption, Boykotte, Morddrohungen. Was im August als normale Diskussion über Ethik im Game-Journalismus innerhalb der Game-Community begann, ist mittlerweile zum emotionalen Gesinnungskrieg geworden. In dessen Verlauf sind vor allem weibliche Exponenten der Szene massiven Bedrohungen im Internet ausgesetzt.

Auslöser für die bislang wohl größte und am emotionalsten geführte Kontroverse innerhalb der Gamer-Szene waren Gerüchte, welche die Objektivität des Kotaku-Journalisten Nathan Grayson infrage stellten. Der Vorwurf der Gamergate-Anhänger, die sich für eine Ethikreform im Videospieljournalismus starkmachen: Er habe mit der Indie-Game-Entwicklerin Zoe Quinn Sex gegen gute Berichterstattung über ihr Spiel «Depression Quest» getauscht. Es folgten persönliche Angriffe von Seiten der Community gegen Zoe Quinn, die in Morddrohungen gegen die Entwicklerin gipfelten und sie zwangen, ihre Wohnung zu verlassen.

Die sogenannte Gamergate-Kontroverse zog immer größere Kreise, wobei neben Verschwörungstheorien vor allem eine hitzige Diskussion über Sexismus in Videospielen entbrannte. In deren Verlauf wiederum meldeten sich namhafte Game-Journalisten wie Dan Goulding, Kotaku- und Gamasutra-Redaktorin Leigh Alexander oder die feministische Medienkritikerin Anita Sarkeesian zu Wort – und zogen den Hass der Befürworter der Gamergate-Bewegung auf sich.

Eine Affäre, Sexismus und Morddrohungen

Mittlerweile liefern sich die verschiedenen Vertreter der Game-Community (Hardcore-Gamer, Medienschaffende, Blogger, Entwickler) einen regelrechten Online-Krieg, allerdings wird es zunehmend schwieriger, die Fronten klar auseinanderzuhalten. So musste die Bostoner Entwicklerin Brianna Wu am vergangenen Wochenende nach Morddrohungen in Sicherheit gebracht werden. Allerdings distanzierten sich Anhänger der Gamergate-Bewegung von den Morddrohungen. Wu hatte sich darüber lustig gemacht, dass Gamergate vordergründig Korruption kritisiere, tatsächlich aber vor allem sexistische Belästigungen von Frauen aus der Spieleszene nach sich ziehe. Wer tatsächlich hinter den Morddrohungen gegen die Entwicklerin steckt, ist nicht klar.

Die am Anfang von Gamergate stehenden Spekulationen über Kotaku-Redaktor Grayson und Entwicklerin Zoe Quinn konnten übrigens nicht belegt werden. Fest steht, dass Grayson nie ein Game seiner Ex-Affäre besprochen hat. Erhoben hatte die Vorwürfe übrigens Quinns Exfreund Eron Gjoni, wie das Wirtschaftsmagazin «Forbes» schreibt.

Tod einer Identität?

Ist Gamergate also lediglich eine auf der Eifersucht des Ex-Partners einer Indie-Entwicklerin gründende, emotional überladene Luftblase? Dagegen spricht, dass sich zu viele Protagonisten in die Diskussionen eingeschaltet haben. Emotionalität und Vielschichtigkeit, mit der die Kontroverse geführt wird, zeigen zudem, dass sich der Umgang mit Computer- und Videogames in den letzten Jahren stark verändert hat. Gaming ist, nicht zuletzt durch den Erfolg von Mobile-Games, zur Massenunterhaltung geworden, die längst nicht mehr nur Entwicklern den Lebensunterhalt finanziert.

Und dass Massenunterhaltung definitiv nicht nur auf junge, männliche, weiße Heteros abzielt, wie Dan Goulding in «The End of Gamers» feststellt, sollte außer Diskussion stehen. Ob das «neue» Massenmedium Games aber tatsächlich für den Tod der Gamer-Identität verantwortlich ist, wie Goulding und Alexander postulieren, ist fraglich. Gab es überhaupt je die eine Gamer-Identität? – Dies zu behaupten wäre in etwa dasselbe wie die Thrash-Metal-Band Slayer im Musikantenstadl mit der Begründung auftreten zu lassen, es käme nicht darauf an, was gespielt würde; das Publikum wolle einfach Musik hören.

«FIFA»-Spieler sind keine Shooter-Fans. Das war schon immer so. Wenn es je eine einzige «Gamer-Community» gab, dann zu der Zeit, als ein paar wenige Jugendliche ihre Freizeit in Arcade-Spielhallen verbrachten. Das ist allerdings beinahe 40 Jahre her.

Was ist Ihre Meinung zum Thema «Gamergate»? Gibt es überhaupt noch «Gamer», oder sind wir alle nur noch «Spieler»? Diskutieren Sie im Talkback mit!

(L'essentiel)

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