Kammerwahl 2018 – «Grüne Insel» im Norden – so tickt Beckerich

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Kammerwahl 2018«Grüne Insel» im Norden – so tickt Beckerich

BECKERICH – Beckerich als Gréng-Hochburg gilt als Ort, der Wirtschaft und Umwelt in Einklang bringt. Ob das selbst nach Camille Giras Tod im vergangenem Mai so bleiben wird?

Mit 24,25 Prozent der Stimmen bei den letzten Kammerwahlen hatten Déi Gréng am 20. Oktober 2013 in Beckerich eine erstklassige Leistung erbracht. «Diese Zahl lässt sich allein durch Camille Giras Anwesenheit auf den Listen erklären», sagt der 35-jährige Thierry Lagoda, der seit 2013 – als sein Vorgänger Camille Gira Staatssekretär für nachhaltige Entwicklung und Infrastruktur wurde – Bürgermeister der Gemeinde ist. «Gira war von 1990 bis 2013 Bürgermeister der Gemeinde. Er hat unsere gesamte Region und viele politische Vertreter geprägt», sagt Lagoda.

Im Mai 2018 starb Gira nach einem Herzstillstand während einer Chamber-Debatte. Trotzdem wird er in Beckerich in ewiger Erinnerung bleiben. Sein Foto thront immer noch in der Eingangshalle des Rathauses. «Emotional gesehen hinterlässt er eine große Lücke, aber politisch ist es ihm gelungen, nachhaltige und dauerhafte Projekte umzusetzen», betont der aktuelle Bürgermeister der 2540-Seelen-Gemeinde an der Grenze zu Belgien.

«Gegen die Fusion der Gemeinden»

Mit rund zwanzig Bauernhöfen ist Beckerich ein kleines Dorf auf dem Land, das sich manchmal durch die in Luxemburg getroffenen Entscheidungen vergessen fühlen mag. «Wir sind aber von den Kammerwahlen sehr betroffen», so der parteilose Lagoda. «Wenn die CSV wieder an die Macht käme, müssten kleinere Gemeinden fusionieren. Wir sind dagegen. Die interkommunalen Organe funktionieren im Kanton Redingen sehr gut» fügt er hinzu. Laut Lagoda habe ein Bürger der Stadt Esch nicht über die Zukunft der kleineren Gemeinden im Norden des Landes zu entscheiden. Diese Entscheidung gehöre den Bürgern.

Dank des Einkaufszentrums Pall Center (350 Mitarbeiter) und des Beckericher Mineralwassers (50 Mitarbeiter) hat die Gemeinde auf ihrem kleinen Gebiet eine bedeutende wirtschaftliche Aktivität. «Wenn einer unserer Mitbürger auf der Suche nach einem Job ist, hat Betriebsleiterin Christianne Wickler immer ein offenes Ohr», sagt Lagoda. Im Gegenzug versuche die Gemeinde immer, dem Unternehmen Land zur Verfügung zu stellen, damit es sich weiterentwickelt.

«Pall Center: Ein von der Umwelt geprägtes Unternehmen»

Die wirtschaftliche Entwicklung des Pall Centers sei eng mit der Politik der Gemeinde Beckerich verknüpft, so Jean Pettingen, der 37-jährige Marketingmanager des Unternehmens. Laut ihm wäre das, was dort gebaut wurde woanders nicht unbedingt möglich gewesen. Nach eingehenden Gesprächen zwischen Gira und Wickler gelang es ihnen, etwas zu schaffen, von dem beide Seiten profitierten. Heute kennt ganz Luxemburg – dank des Pall Centers – das Dorf Oberpallen. «Es muss anerkennt werden, dass wir uns in der Hauptstadt nicht in gleicher Weise hätten entwickeln können», sagt Pettingen.

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Da die gewählte Abgeordnete Christiane Wickler (Déi Gréng) es schwierig fand, beide Karrieren mit der gleichen Leidenschaft zu verfolgen, trat sie sechs Monate nach den Wahlen 2013 zurück. Laut Pettingen sei das Pall Center aber weiterhin stark von der Umwelt geprägt. Dank der Betriebsgewinne, die beispielsweise die Tankstelle einbringt, war es für das Unternehmen möglich, auf dem Dach in Photovoltaik zu investieren. «Unsere Chefin erinnert uns regelmäßig daran, dass wir nur einen Planeten haben, um denen wir uns unbedingt kümmern müssen», ergänzt Pettingen.

«Unmöglich, das Ergebnis vorherzusagen»

Über die Bilanz der vergangenen Legislaturperiode sind sich beide einigermaßen einig. Lagoda gefällt zum Beispiel Xavier Bettels Politikstil. Im Gegensatz zu Jean-Claude Juncker gebe er sich volksnah. Ob Bettel in eine weitere Amtszeit gehen kann? «Es wird nicht einfach sein. Manchmal habe ich den Eindruck, dass er bereits andere Pläne hat. Vor sechs Monaten hätte ich die CSV als klaren Sieger genannt, aber kurz vor den Wahlen begrüßen viele Menschen die Arbeit der Regierung. Ob es zu einer Koalition kommen wird? Es ist alles möglich. Meiner Meinung nach hätten Déi Gréng nichts gegen eine Koalition mit der CSV. Damit wären mehr grüne Minister in der Regierung vertreten», so Lagoda.

Laut Pettingen sei es 2013 unvorstellbar gewesen, dass die Partei der Ikone Jean-Claude Juncker auf die Oppositionsbank versetzt wird. Dies habe aber zu einem Wandel der Mentalitäten und zu mehr Offenheit in Luxemburg geführt. «Mit Premierminister Bettel hatten wir den Eindruck, dass wir die gleiche Zukunftsvision für das Land haben. Außerdem hat er dem Großherzogtum in Europa und in der Großregion einen Platz gegeben. Es wird für ihn schwierig sein, seinen Platz zu bewahren, weil es eine klare Tendenz für Konservatismus und Nationalismus gibt. Vor einem halben Jahr hatte ich den Eindruck, dass die CSV gewinnen würde, aber heute ist es unmöglich, das Ergebnis vorherzusagen», so der Marketingmanager.

(Frédéric Lambert/L'essentiel)

Vor der Parlamentswahl erscheinen auf L'essentiel Online Reportagen aus den «Gemeinde-Hochburgen» der sechs Chamber-Parteien.

Bereits erschienen:

«Kaffee und Croissant für jeden Grenzgänger»

In unmittelbarer Nähe zu Belgien ist die Gemeinde Beckerich eines der Tore für viele Belgier, die täglich nach Luxemburg pendeln. Das Pall Center ist auch ein schönes Schaufenster, um luxemburgische Produkte zu fördern. «Es gibt viel Austausch zwischen den beiden Ländern und wir lernen viel voneinander», so der Bürgermeister Thierry Lagoda.

Für Jean Pettingen, der in der Hauptstadt ansässig ist, aber im Beckericher Pall Center beschäftigt ist, wird Mobilität eine der Herausforderungen der nächsten Legislaturperiode sein, «weil wir die Gelegenheit verpasst haben, den Grenzbewohnern die notwendige Infrastruktur für die Anreise nach Luxemburg zu bieten. Seiner Meinung nach sollte den Pendlern jeden Morgen ein Croissant und ein Kaffee angeboten werden, um ihnen zu danken, nach Luxemburg arbeiten zu kommen und zum Bruttoinlandsprodukt und zu der Kultur des Landes beizutragen. «Luxemburgisch ist meine Muttersprache, aber täglich Französisch und Deutsch zu sprechen ist eine Ehre und das gehört als Luxemburger dazu», sagt er.

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