Wie befüchtet – Häftlinge wollen Terror fortsetzen

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Wie befüchtetHäftlinge wollen Terror fortsetzen

Nach dem Austausch mit Gilad Schalit wollen einige der freigelassenen Palästinenser den bewaffneten Kampf gegen Israel wieder aufnehmen. Doch das Umfeld dafür hat sich dramatisch verändert.

Es ist nicht reine Arithmetik – 1 für 1027 – die Israelis Freude an der Heimkehr Gilad Schalits trübt. Laut offiziellen Statistiken werden 60 Prozent inhaftierter Terroristen nach ihrer Freilassung rückfällig. Das wären in diesem Fall über 600, die israelischer Soldaten und Zivilisten nach dem Leben trachten. Erste Verlautbarungen der am Dienstag freigelassenen 477 Palästinenser scheinen diese Befürchtungen zu bestätigen.

Die damals 21-jährige Wafa al-Biss wurde 2005 am Grenzübergang Erez zwischen dem Gazastreifen und Israel mit zehn Kilo in ihre Unterwäsche eingenähten Sprengstoff erwischt und zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Sie war auf dem Weg in ein israelisches Krankenhaus in Be'er Scheva, wo sie den Sprengsatz zünden wollte. Am Mittwoch, einen Tag nach ihrer Freilassung, riet sie Kindern in Gaza, ihrem Beispiel zu folgen: «So Gott will, werden einige von euch Märtyrer werden», sagte sie laut der Nachrichtenagentur Reuters. Auf die Frage, ob sie es wieder tun würde, antwortete sie: «Ja, ich werde Palästina nie im Stich lassen.»

«Ohne Widerstand keine Freiheit»

Mohammed Wael ist einer der 40 gefährlichsten Palästinenser, die ins Ausland abgeschoben wurden. Für seine Verwicklung in Selbstmordattentate war er zu 1600 Jahren hinter Gittern verurteilt worden. «Solange es Gefangene in Israel gibt, werden die Mudschaheddin versuchen, sie zu befreien», sagte er bei seiner Ankunft in Katar am Dienstagabend gegenüber Al Jazeera.

«Gott hat Soldaten für dieses Land auserkoren, die alle Häftlinge befreien werden. Ohne Widerstand wird es keine Freiheit für sie geben», sagte Ahlam Tamimi, bei ihrer Ankunft in Amman. Sie war 2001 im Alter von 20 Jahren im Zusammenhang mit dem Selbstmordanschlag auf ein Jerusalemer Café zu 16 lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden. Die Studentin und Teilzeit-Journalistin hatte sich als jüdische Touristin verkleidet und den Selbstmordattentäter zum Café geführt.

Doch selbst wenn diese oder andere der freigelassenen Häftlinge den bewaffneten Kampf wieder aufnehmen wollen, werden sie bald merken, dass sich die Voraussetzungen für Terroranschläge in den vergangenen Jahren dramatisch verändert haben. Das Westjordanland ist durch eine Sperranlage von Israel abgetrennt und wird von Präsident Mahmud Abbas regiert, welcher der Gewalt abgeschworen hat und mit den israelischen Behörden im Anti-Terrorkampf kooperiert. Der Gazastreifen ist komplett abgeriegelt und nur in Richtung Ägypten durchlässig. Das hat die Gefahr einer Infiltration Israels von ägyptischem Territorium aus kurzfristig erhöht. Doch inzwischen errichtet der jüdische Staat auch an dieser Grenze eine Sperranlage.

Nur noch mit der Familie in Frieden leben

Es gibt auch Stimmen, die auf wenig Begeisterung für eine Wiederaufnahme der Gewalt schließen lassen. Der gelernte Bäcker Naser hat die letzten zwanzig Jahre im Gefängnis verbracht. Die israelische Armee hatte seinen 12-jährigen Cousin getötet, worauf er in der Stadt Haifa wahllos einen Passanten erschoss. «Ich bin kein politischer Mensch», sagte er dem «Guardian». Er sei einfach «wütend» gewesen und wollte irgend jemanden erschießen. Selbst jetzt ist er von ihm und seiner Frau getrennt, weil er in den Gazastreifen abgeschoben wurde. Seine Familie sitzt im Westjordanland fest, ausreisen ist praktisch unmöglich. Er bereut seine Tat nicht, würde sie aber nicht wiederholen. «Ich möchte nur mit meiner Familie in Frieden leben», sagte er.

(L'essentiel Online/kri)

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