Notlandung – Handgepäck-Egoisten unter Beschuss

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NotlandungHandgepäck-Egoisten unter Beschuss

Bei der Evakuation der brennenden Aeroflot-Maschine sollen Passagiere versucht haben, ihr Handgepäck mitzunehmen. Das soll künftig nicht mehr passieren.

41 Menschen kamen am Sonntag auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo ums Leben, als eine Suchoi Superjet-100 in Flammen aufging. Besonders tragisch: Laut der Nachrichtenagentur Interfax sollen Passagiere im vorderen Teil der Maschine darauf bestanden haben, zuerst ihr Handgepäck zu holen. Im hinteren Teil erstickten oder verbrannten die Menschen.

Dass Passagiere auch in dramatischen Notfällen ihr Hab und Gut retten wollen, kommt immer öfter vor. Bekannt ist etwa der Fall einer Notlandung einer Emirates-Maschine im Jahr 2016: Handyaufnahmen auf Youtube zeigen, wie Fluggäste ihr Handgepäck aus der Gepäckablage reißen. Wenig später explodierte das Flugzeug und brannte aus. Ähnliche Szenen spielten sich 2015 bei der Notlandung einer brennenden Boeing 777-200ER der British Airways in Las Vegas ab.

«Ich verstehe nicht, warum die Menschen so blöd sind»

Ein Schweizer Aviatikexperte, der nicht namentlich genannt werden will, sagt zu 20 Minuten: «Das wäre bei uns nicht anders.» Er spricht von menschlichem Fehlverhalten. «Ich verstehe nicht, wieso die Menschen so blöd sind.» Auch bei Schweizer Airlines kennt man das Problem. «Dass Passagiere Handgepäck nehmen und sich bei einer Evakuierung oft fahrlässig verhalten, sieht man leider immer wieder», sagt Mehdi Guenin, Sprecher von Helvetic Airways. Warum dies der Fall sei, könne man nicht allgemein sagen: «Jeder reagiert im Notfall anders.»

Denny Manimanakis, Präsident der Gewerkschaft des Kabinenpersonals (Kapers), sagt dazu: «Offenbar ist es ein Reflex, das eigene Hab und Gut retten zu wollen.» Im Notfall würden auch viele Passagiere wieder den Ausgang benutzen, durch den sie hineingekommen sind – selbst wenn im Rücken ein Notausgang näher wäre. «Ein Passagier ist es gewohnt, das Handgepäck mitzunehmen nach der Landung. Dieses Muster läuft dann auch bei einer Notlandung ab.»

«Man kann die Notrutsche beschädigen»

Laut Manimanakis ist das extrem gefährlich, zumal aufgrund zu lascher Kontrollen zu schwere und große Handgepäcke an Bord gelangten: «Man kann Leute verletzen, Koffer können den Weg blockieren oder die Notrutsche beschädigen.» Darum verinnerliche die Cabin Crew in den Schulungen die Anweisung «Handgepäck zurücklassen».

Laut einer Untersuchung der US-Behörde für Transportsicherheit (NTSB) gaben Passagiere als wichtigsten Grund an, das Gepäck wegen Geld oder Kreditkarten mitgenommen zu haben. Ebenfalls wichtig sind geschäftliche Dokumente, Schlüssel und Medikamente. Daneben erklären Experten das Verhalten aber auch damit, dass Passagiere im Innern des Flugzeugs die effektive Gefahr unterschätzen würden.

Zentralverriegelung und Strafen?

Die internationale Luftfahrtgesellschaft Royal Aeronautical Society warnte schon 2018 vor brenzligen Situationen bei Evakuierungen. Das Risiko dürfte mitunter darum ansteigen, weil Passagiere mehr Handgepäck an Bord nähmen, um Gebühren für Aufgabegepäck zu umgehen. So heißt es in einem Bericht: «Wohl ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine Evakuierung passiert, bei der das Handgepäck über Leben oder Tod entscheidet.» Die Gesellschaft empfiehlt darum eine Zentralverriegelung der Gepäckablage während Starts und Landungen. Diese müsste dann durch das Kabinenpersonal freigeschaltet werden.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, seien aber auch Strafen für Passagiere, die ihr Gepäck nicht zurückließen, eine Option. Dieser Meinung ist auch der NTBS-Vorsitzende Robert Sumwalt. Strafen würden vielleicht dafür sorgen, dass Passagiere «weniger dazu neigten, sich Sorgen um ihr Gucci-Gepäck zu machen», wie er kürzlich gegenüber US-Medien sagte.

Für Manimanakis von Kapers ergibt es Sinn, das Gepäck während Starts und Landungen zu verriegeln: «Dann haben Passagiere nichts an der Gepäckablage verloren. Es spricht also nichts dagegen.» Skeptisch ist er hingegen bei den Strafen. «Wer würde diese durchsetzen?», fragt er. Das werde kaum funktionieren.

(L'essentiel/daw)

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