Flugsicherheit – Handy ausschalten - wieso eigentlich?

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FlugsicherheitHandy ausschalten - wieso eigentlich?

Flugpassagiere müssen elektronische Geräte bei Start und Landung ausschalten, tun dies aber nicht immer. Kein Wunder: Wissenschaftlich steht das Verbot auf wackligen Beinen.

«Aus Sicherheitsgründen dürfen elektronische Geräte während Start und Landung nicht benutzt werden.» So oder so ähnlich lauten die Anweisungen vor jedem kommerziellen Flug. Kein einziger Flugzeugabsturz konnte bis dato auf Interferenzen von Handys, Laptops, Tablets und E-Books zurückgeführt werden. Ein Zeichen, dass die strengen Vorschriften ihren Zweck erfüllen – wäre da nicht der Umstand, dass manche Passagiere ihre Gadgets gar nicht ausschalten. Mal ehrlich, wer kann von sich behaupten, das Verbot nicht schon einmal vergessen oder ignoriert zu haben?

Zwei Fragen drängen sich auf: Wenn elektronische Geräte selbst im sogenannten Flugmodus gefährlich sind, warum setzen die Airlines das Verbot nicht konsequent durch? Bei Mineralwasser im Handgepäck drückt auch niemand ein Auge zu. Und wenn weltweit jeden Tag hunderttausende Handys in den Kabinen strahlen, warum fallen deswegen trotzdem keine Flieger vom Himmel?

Feldstärke nimmt nicht linear zu

Der US-Flugzeughersteller Boeing geht seit Jahren Rückmeldungen von Airlines über Anomalien bei den Bordinstrumenten nach, die Passagiere mit ihren elektronischen Geräten verursacht haben sollen. Wenn möglich versucht Boeing im Nachhinein, den Passagieren die aufgefallenen Geräte abzukaufen, um sie in seinem Labor unter möglichst identischen Bedingungen zu testen. Offenbar ist es bisher noch nie gelungen, die beobachtete Anomalie zu duplizieren.

Selbst die Auswirkungen von dutzenden gleichzeitig betriebenen Geräten im Vergleich zu einem einzigen sind unklar. Das E-Book Kindle von Amazon etwa erzeugt laut Tech-Blog der «New York Times» 30 Mikrovolt (0.00003 Volt) pro Meter. Das elektromagnetische Feld, das 100 Kindels erzeugen, ist aber nicht 100 mal grösser. Und selbst wenn die Zunahme immer linear ausfallen würde: Die Bordinstrumente eines Verkehrsflugzeug müssen gemäss US-Luftfahrtbehörde F.A.A. 100 Volt pro Meter aushalten. Das ist über 3 Millionen Mal mehr als von einem einzelnen Kindle ausgeht.

Im Zweifelsfall auf Nummer sicher

Die F.A.A. verweist auf eine 2006 durchgeführte Studie, in der die Radio Technical Commission for Aeronautics die Auswirkungen von elektronischen Geräten auf die Bordinstrumente eines Flugzeugs untersuchte. Das Resultat: Keine Beweise, dass diese Geräte ein Flugzeug beeinflussen können und keine Beweise, dass sie es nicht können.

Der Beweis, dass tragbare elektronische Geräte die Bordinstrumente eines Flugzeugs nicht negativ beeinflussen, ist wissenschaftlich nur schwer zu erbringen.

Andere Gründe ausschlaggebend?

Vor dem Hintergrund der dünnen Faktenlage geistern in der Aviatik-Community seit jeher alternative Erklärungsversuche für die umstrittene Regelung herum. In Wirklichkeit seien die Airlines während Start und Landung, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls am höchsten ist, auf die ungeteilte Aufmerksamkeit der Passagiere angewiesen. Lebensrettende Anweisungen der Crew sollen in einer Krisensituation nicht mit iTunes konkurrieren müssen. Anstatt sich auf die Einsicht der Passagiere zu verlassen, würde ein technisches Verbot vorgeschoben.

Dass ein Reisender auch durch spannende Lektüre oder ein angeregtes Gespräch (bisher noch erlaubt) abgelenkt sein könnte, berücksichtigt diese Theorie nicht. Andere warnen vor den scharfen Kanten frei herumfliegender iPads und Laptops und vergessen, dass bei heftigen Turbulenzen auch vermeintlich harmlose Gegenstände wie Bücher Verletzungen verursachen können. Es bleibt dabei: Das Verbot elektronischer Geräte bei Start und Landung basiert nicht auf Wissen sondern auf Unwissen.

Was denken Sie? Besser Vor- als Nachsicht? Oder einfach eine weitere unnötige Vorschrift? Diskutieren Sie mit.

L'essentiel Online /

(Kian Ramezani)

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