Massaker von Butscha: «Hatte jemand ein Telefon, durften wir ihn erschießen»

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Massaker von Butscha«Hatte jemand ein Telefon, durften wir ihn erschießen»

Chibrin gehörte der berüchtigten russischen 64. Motorschützenbrigade an, die in den Vororten Kiews Kriegsverbrechen begangen haben soll. Jetzt ist er im Asyl und will gegen seine Einheit aussagen. 

von
Ann Guenter
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Desertierter Soldat Chibrin war in Butscha: «Es gibt Wahnsinnige, denen es Spaß macht, einen Menschen zu töten. Solche Verrückten sind dort aufgetaucht.»

Desertierter Soldat Chibrin war in Butscha: «Es gibt Wahnsinnige, denen es Spaß macht, einen Menschen zu töten. Solche Verrückten sind dort aufgetaucht.»

Gulag.net
Im Frühjahr hatten russische Einheiten in den Vororten Kiews ein Massaker unter den Zivilisten angerichtet. 

Im Frühjahr hatten russische Einheiten in den Vororten Kiews ein Massaker unter den Zivilisten angerichtet. 

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Der Befehlshaber der 64. Motorschützenbrigade, Asatbek Omurbekow, wird «Schlächter von Butscha» genannt. Gegen ihn und die Einheit will der desertierte russische Soldat aussagen. 

Der Befehlshaber der 64. Motorschützenbrigade, Asatbek Omurbekow, wird «Schlächter von Butscha» genannt. Gegen ihn und die Einheit will der desertierte russische Soldat aussagen. 

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«Ich sah sie weglaufen», erzählt Nikita Chibrin aus seinem Versteck irgendwo in Spanien. «Sie haben eine Mutter und eine Tochter vergewaltigt.» Ihre Kommandanten hätten lediglich mit den Schultern gezuckt, als sie von den Vergewaltigungen erfuhren. 

Die mutmaßlichen Vergewaltiger seien zwar geschlagen worden, aber «sie wurden nie ins Gefängnis gesteckt. Nur gefeuert. Sie wurden einfach aus dem Krieg entlassen. Das wars», so der ehemalige Soldat zu CNN

Aus der berüchtigten 64. Motorschützenbrigade

Chibrin, der ursprünglich aus der russischen Stadt Jakutsk stammt, diente in der berüchtigten 64. Motorschützenbrigade, die im März in den Vororten der ukrainischen Hauptstadt wütete. Im September desertierte er aus dem russischen Militär und floh über Weißrussland nach Europa. In Spanien hat er Asyl beantragt.

Truppen aus Chibrins Brigade werden der Kriegsverbrechen beschuldigt, seit nach ihrem Abzug aus den Kiewer Vororten das Ausmaß der Gewalt an Zivilisten ersichtlich wurde.

Chibrin will gegen den «Schlächter von Butscha» aussagen

Er wolle, sagt Chibrin, vor einem internationalen Kriegstribunal gegen seine Einheit aussagen – auch gegen den Befehlshaber Asatbek Omurbekow. Omurbekow, «Schlächter von Butscha» genannt, steht mittlerweile auf der Sanktionsliste der EU und USA. Letztere haben die gesamte Brigade sanktioniert.

In Russland wird die 64. Motorschützenbrigade dagegen für ihren «Heldenmut» gerühmt – Waldimir Putin verlieh ihr einen militärischen Ehrentitel. Denn der Kreml beharrt darauf, dass die Schreckensbilder der umherliegenden Toten gefälscht seien und bestreitet jegliche Beteiligung an den Massakern. 

«Solche Verrückten sind dort aufgetaucht»

Dem widerspricht der russische Soldat ausdrücklich: Seine Einheit habe den direkten Befehl gehabt, jeden zu töten, der Informationen über die Positionen der Russen weitergab, egal, ob Militär oder Zivilist. «Wenn jemand ein Telefon hatte, durften wir ihn erschießen.»

Über einige Soldaten der 64. Brigade sagt er: «Es gibt Wahnsinnige, denen es Spaß macht, einen Menschen zu töten. Solche Verrückten sind dort aufgetaucht.» Chibrin selbst bestreitet, auf Menschen geschossen zu haben. 

Auf ausdrücklichen Befehl? 

Die Kommandanten hätten von den Morden und Vergewaltigungen gewusst. Es sei ihnen egal gewesen, so Soldat Chibrin. Der ukrainische Generalstaatsanwalt Andrij Kostin geht davon aus, dass solche Verbrechen von russischen Kommandanten auch direkt angeordnet werden.

Der Historikerin Marta Havryshko, die zu kriegsbedingter sexueller Gewalt forscht, sind dagegen keine ausdrücklichen Befehle bekannt. Sie verweist auf einen Fall von 25 Mädchen und Frauen, die in Butscha mehrere Tage lang festgehalten und missbraucht wurden. «Das können die Soldaten nicht ohne Wissen und Willen ihrer Vorgesetzten getan haben.» 

Sie forsche seit fast zehn Jahren zu dem Thema und habe gedacht, auf alles vorbereitet zu sein, sagt sie auf Spiegel.de. «Beim Lesen mancher aktuellen Berichte kann ich meine Tränen trotzdem nicht zurückhalten. Vor unser aller Augen spielt sich eine unerhörte Tragödie ab.»

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