Fordlândia – Henry Fords vergessene Stadt im Amazonas

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FordlândiaHenry Fords vergessene Stadt im Amazonas

Auch wenn er kein einziges Mal dort war: Fordlândia ist Henry Fords eigene Stadt. Und liegt fast gänzlich verlassen im Amazonasgebiet.

Typisch amerikanische Häuser mitten im Amazonas, eine Ausstenstelle für eine der größten und profitabelsten Firmen der Welt – und die schlechteste Idee, die Henry Ford jemals hatte: Das ist Fordlândia.

Ein Dschungel-Experiment

1928 erreichten zwei Schiffe das Ufer des Tapajós, eines Flusses im Amazonasgebiet. Geladen hatten die Boote das nötige Equipment, um eine Stadt aus dem nichts aufzubauen: Von Türgriffen über Straßenlaternen bis zum Feuerhydranten wurde alles aus Amerika importiert. Aber warum eigentlich?

Henry Ford wollte nicht länger von der englischen und holländischen Kautschukproduktion für seine Pneus abhängig sein. Seine Lösung: eine Stadt im Regenwald, in der den für seine Autos so wichtige Rohstoff selbst abgebaut werden kann. Dafür machte er einen Deal mit der brasilianischen Regierung: Ihm werden 10.000 Quadratkilometer (!) Land zur Verfügung gestellt – für 9 Prozent des Profits. Wie wenig sich das lohnen würde, konnten die Brasilianer noch nicht ahnen.

Ein Fehler nach dem anderen

Ford, ein eigentlich erfolgreicher Geschäftsmann, beging bei der Umsetzung seiner Idee einige Fehler. Die Manager, die der Autohersteller in den Dschungel schickte, hatten keine Ahnung von tropischer Landwirtschaft. Die Stadt selbst wurde in Amerikaner und andere unterteilt: Rassentrennung.

Im einem Stadtteil lebten fast ausschließlich die US-Amerikaner. Sie hatten einen Golfplatz, ein Kino, Pools, Veranstaltungsräume, ein Hotel, eine Schule, einen Spielplatz und eine Bibliothek. Auf der anderen Seite der Stadt lebten die brasilianischen Arbeiter.

Ford, der Nazi-Sympathisant

So überraschend war diese Trennung allerdings nicht: Henry Ford war ein Antisemit und er machte mit Nazi-Deutschland auch noch Geschäfte, lange nachdem sich die USA in den Zweiten Weltkrieg eingemischt hatten. Aber auch den brasilianischen Arbeitern zwang der Unternehmer seine Ansichten auf.

So mussten auch die Brasilianer in Fordlândia leben wie Amerikaner, sie durften sich beispielsweise ausschließlich von amerikanischen Lebensmitteln ernähren. Ford wollte in seiner Stadt ein Amerika erschaffen, wie er es sich immer gewünscht hatte. Und Ford wünschte sich viele Regeln: kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Frauen in den Häusern der Arbeiter, keine Spiele. Um diese Regeln durchzusetzen, gab es Inspektoren, die die Arbeiter besuchten.

Florierendes Schmugglergeschäft

Aber wie es bei Verboten häufig läuft: Der Alkohol- und Zigarettenbann ließ die Leute nur kreativer werden. So schmuggelten die Einheimischen Schnaps und Tabak in Wassermelonen oder anderen großen Früchten ins Dorf – und verkauften es an die Amerikaner.

Eine Revolution

An einem heißen Tag im Jahr 1930 hatten die Arbeiter genug. Es gab einen Aufstand in der Cafeteria und die Brasilianer kappten den Strom und Telefonkabel und jagten die Amerikaner (und den Chefkoch) in den Dschungel. Die versteckten sich dort mehrere Tage, bis die brasilianische Armee eintraf und im Konflikt vermittelte.

Nachdem den Arbeitern besseres Essen in der Cafeteria versprochen worden war, beruhigte sich die Lage. Aber nicht für lange: Durch das mangelnde Wissen über Landwirtschaft, begannen die Pflanzen, die die Amerikaner gesät hatten, zu verfaulen. In der Natur wächst der Kautschukbaum nur vereinzelt. Auf den Feldern von Fordlândia standen die Bäume zu dicht, was sie anfällig für Blattkrankheiten mache.

Kein Platz für Amerikaner

Aber nicht nur den Pflanzen ging es schlecht: Auch die Manager litten. Die einen erlitten Nervenzusammenbrüche, andere starben bei Unfällen oder verloren Familienmitglieder an Tropenkrankheiten. 1934 hatten sie schließlich genug: Sie verließen Fordlândia und zogen näher ans Flussufer, etwas aus dem Dschungel, in die neue Stadt Belterra. Fast alles wurde zurückgelassen.

1945 erfanden die Japaner einen synthetischen Gummi, der sich für Autopneus eignete – über Nacht starb Fords Vision. Die Ford Motor Company gab das Land an die brasilianische Regierung zurück – mit einem Verlust von ca. 208 Millionen Dollar nach heutigem Wert. Henry Ford hatte sich übrigens kein einziges Mal in seinem Fordlândia blicken lassen.

(L'essentiel)

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