Todesstrafe in den USA – Hunde sterben «humaner» als Menschen

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Todesstrafe in den USAHunde sterben «humaner» als Menschen

Das Einschläfern von Tieren wird in Texas vom Gesetz bis ins letzte Detail geregelt. Menschen hingegen dürfen von medizinischen Laien hingerichtet werden.

Ob Texas seine Todeskandidaten wie im Gesetz vorgeschrieben ohne «unnötige Schmerzen» hinrichtet, ist zunehmend zweifelhaft. (Bild: Keystone/AP/Eric Risberg)

Ob Texas seine Todeskandidaten wie im Gesetz vorgeschrieben ohne «unnötige Schmerzen» hinrichtet, ist zunehmend zweifelhaft. (Bild: Keystone/AP/Eric Risberg)

Jemanden «wie einen Hund» jagen oder erschießen ist eine gebräuchliche Redewendung in den USA. Sie soll zum Ausdruck bringen, dass eine besonders verachtenswerte Person nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein Tier betrachtet und entsprechend behandelt wird. Laut einer am Sonntag veröffentlichten Studie hat die Justiz des US-Bundesstaates Texas diese Logik umgekehrt: Sie behandelt Tiere humaner als Menschen.

Menschenrechtsorganisationen sowie die Rechtsfakultät der Northwestern University in Chicago haben die gesetzlichen Grundlagen in Texas zur Einschläferung von Tieren und zur Hinrichtung von Menschen miteinander verglichen und Erschreckendes zu Tage gefördert.

Das Einschläfern eines Tieres darf nur ein ausgebildeter Veterinär durchführen. Das Gesetz regelt die genaue Zusammensetzung des Betäubungsmittels sowie dessen Dosis, die im Verhältnis zum Körpergewicht des Tiers berechnet wird. Selbst die Beleuchtung des Raums, in dem das Einschläfern vorgenommen wird, ist reguliert, um dem Tier unnötigen Stress zu ersparen. Mindestens alle zehn Jahre tagt der US-Veterinärverband, um seine gesetzlich bindenden Richtlinien einer Nachprüfung zu unterziehen. Wenn in Texas ein Hund oder eine Katze eingeschläfert werden muss, hat alles seine Ordnung.

Laien am Werk

Ganz anders sieht es aus, wenn in Texas nicht Vierbeiner, sondern Menschen sterben müssen. Nicht ein Arzt oder ein Ärzteverband, sondern der Direktor der Abteilung Justizvollzugsanstalten des «Texas Department of Criminal Justice» (TDCJ) entscheidet nach Gutwillen, wie Hinrichtungen mit der Giftspritze im Detail vonstatten gehen. Momentan hat Rick Thaler diese Position inne. Thaler war vorher Vollzugsbeamter und leitete die Abteilung Produktion und Logistik des TDJC. Er besitzt einen College-Abschluss in BWL. Keine Spur von Anästhesiologie, Arzneikunde oder Gesundheitswesen in seinem Lebenslauf.

Das wäre unter Umständen vertretbar, wenn die Substanzen im Giftcocktail einwandfrei funktionieren würden. Doch hier liegt ein weiteres Problem: Bereits im vergangenen November wurde bekannt, dass die Thiopental-Vorräte in den USA zur Neige gehen. Das Betäubungsmittel kam bisher bei Hinrichtungen mit der Giftspritze zum Einsatz. Als Ersatz wurde Pentobarbital verwendet, mit dem sonst Tiere eingeschläfert werden. Wie es auf Menschen wirkt, ist wissenschaftlich wenig erforscht.

Viele Faktoren außer Acht gelassen

Insgesamt kommen in den USA drei chemische Wirkstoffe bei der Hinrichtung durch die Giftspritze zum Einsatz. Der erste – bisher Thiopental, neuerdings Pentobarbital – soll den Häftling bewusstlos machen. Der zweite, Pancuroniumbromid, lähmt sämtliche Muskeln und stoppt die Atmung. Der dritte, Kaliumchlorid, führt zum Herzstillstand und damit schliesslich zum Tod.

Wenn das Betäubungsmittel versagt, weil etwa eine falsche Dosis verabreicht wurde, verursachen die beiden nächsten Wirkstoffe höllische Schmerzen. Da der «Patient» bereits gelähmt ist, kann er aber nicht mehr auf sein Leiden aufmerksam machen. Ärztliche Fachpersonen, die die richtige Dosierung sicherstellen könnten, sind bei Hinrichtungen nur selten zugegen. Der Moralkodex des US-Ärzteverbands untersagt ihnen, an Hinrichtungen mitzuwirken.

Forscher sollen bei hingerichteten Personen Hinweise gefunden haben, dass sie kurz vor Eintritt des Todes noch teilweise bei Bewusstsein waren. Neben falscher Dosierung des Betäubungsmittels wird vermutet, dass weitere Faktoren wie ein verstärkter Adrenalinausstoß und ein beschleunigter Stoffwechsel sowie früherer Drogenkonsum des Todeskandidaten außer Acht gelassen wurden. Diese können die Wirksamkeit von Betäubungsmitteln herabsetzen.

Italien untersagt Hilfestellung zur Tötung

Zunächst war lediglich von einem vorübergehenden Engpass bei der Lieferung von Thiopental die Rede. Inzwischen hat der US-Pharmakonzern Hospira seine Produktion aber ganz eingestellt. Das entsprechende Werk liegt in Italien, das den Export von Substanzen, die zur Hinrichtung von Menschen verwendet werden können, kürzlich verboten hat.

Medizinische Laien, wissenschaftlich zweifelhafte Wirkstoffe, fehlende fachliche Aufsicht. Mit diesem tödlichen Cocktail ist die texanische Justiz auf dem besten Weg, Menschen nicht wie Hunde hinzurichten. Sondern schlimmer.

L'essentiel Online mit Kian Ramezani

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