«L'Enquête» im Kino – «Ich habe nur auf Fragen geantwortet»

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«L'Enquête» im Kino«Ich habe nur auf Fragen geantwortet»

LUXEMBURG – «L'Enquête» erzählt von den Geldwäsche-Affären um die Firma Clearstream. An den Enthüllungen war auch ein Luxemburger beteiligt.

«Ganz so konspirativ waren unsere Treffen nicht», sagt Régis Hempel. Aber für den Zuschauer erschafft es eine beklemmende Atmosphäre: In dem neuen Kinofilm «L'Enquête» stehen sich der Journalist und der Informant allein auf dem verlassenen Dach eines Parkhauses in Luxemburg gegenüber. «Wir haben uns bei mir zuhause oder im Restaurant getroffen, wir hatten immer unser Glas Rotwein dazu», erinnert sich der luxemburgische Informant, der vor über zehn Jahren auf die Fragen des französischen Enthüllungsjournalisten Antwort gab. Die Bücher von Denis Robert thematisieren Vorwürfe der Geldwäsche gegen den in Luxemburg ansässigen Finanzdienstleister Clearstream. Die Clearstream-Affären 1 (Geldwäsche und Steuerflucht) und 2 (illegale Rüstungsgeschäfte) zogen jahrelang weite Kreise, unter anderem nach Frankreich, Taiwan und Deutschland.

Der ehemalige Clearstream-Mitarbeiter Hempel lobt den neuen Kinofilm des Franzosen Vincent Garenq. Der Film erzählt spannend und mitreißend die komplexen - auf Tatsachen beruhenden - Recherchen des lothringischen Enthüllungsjournalisten Denis Robert nach. Robert gelingt mittels Informanten die größte Geschichte seiner Karriere – und kommt dadurch privat und finanziell fast unter die Räder. Bei der Pressevorführung am Donnerstag haben sich der Regisseur, der luxemburgische Co-Produzent Claude Waringo, der Gréng-Parteipräsident Christian Kmiotek und Hempel wieder getroffen. «Der Film spart einiges aus, gibt aber die Atmosphäre richtig wieder, auch wenn der Druck in Wirklichkeit noch schlimmer war.»

Prozesse und hohe Tiere

In den beiden Clearstream-Affären fallen Namen von Politikern wie Nicolas Sarkozy und Dominique Strauss-Kahn, von Unternehmen wie EADS und Airbus sowie des französischen Auslandsgeheimdienstes. Schließlich stellte die Luxemburger Justiz in der Clearstream-Affäre 1 die Ermittlungen ein, und in der Clearstream-Affäre 2 stellen sich die Listen mit illegalen Zahlungen als gefälscht heraus. Dem französischen Enthüllungsjournalisten wurde wegen Verleumdung über Jahre in mehreren Ländern der Prozess gemacht, er wurde aber in allen Prozessen freigesprochen. Hempel sah sich mit einer Klage wegen Bruchs der Schweigepflicht konfrontiert. «Ich sollte zweimal zehn Millionen Euro Schadenersatz zahlen», sagt er nach der Pressevorführung auf dem Kirchberg und zuckt verständnislos die Achseln.

Auch wenn der stattliche Mann heute so locker und heiter wirkt, die Zeit der Enthüllungen und Prozesse hat ihn vorsichtig gemacht. Hempel antwortet in kurzen Sätzen, achtet genau auf seine Wortwahl, stellt Bedeutungsunterschiede von Teilsätzen und Wörtern umgehend richtig: «Ich habe nicht mit dem Journalisten zusammengearbeitet, ich habe nur auf Fragen geantwortet», sagt er im Gespräch.

Der Film setzt den entscheidenden Moment, der die Enthüllungen in Gang setzte, als Schlüsselszene um: Régis Hempel (gespielt von Christian Kmiotek) erklärt im Parkhaus Denis Robert (gespielt von Gilles Lelouche), wie es damals vor seiner Kündigung bei Clearstream lief: Als IT-Techniker hat er jeden Morgen eine Systempanne simuliert – so wurden die Spuren der Transaktionen auf unveröffentlichte Schwarzgeld-Konten gelöscht. Hempel gewann gegen Clearstream und wurde im Prozess und auch in erster Instanz freigesprochen. «Ich habe einen guten Anwalt», sagt er zwar gelassen. Aber der steht ja an diesem Tag auch neben ihn. In der Folge der Affären habe man bei Clearstream gut 200 Angestellte gefeuert, so Hempel. Er selbst habe später als Consultant für andere Firmen keine beruflichen Konsequenzen zu spüren bekommen.

«Ein System profitiert von dem anderen»

«Es ist ein komisches Timing», findet Politiker und Schauspieler Christian Kmiotek und verweist auf die Brisanz des Filmes. Mitten im Dreh im Sommer 2013 gaben die Informationen von Whistleblower Edward Snowden Einblicke in die Überwachungspraktiken der Geheimdienste. Im Herbst 2014 wurde durch die «Luxleaks» bekannt, dass internationale Konzerne im Großherzogtum Steuervorteile in beträchtlichem Umfang genießen. «Man muss die ungerechten Vorteile, die Großkonzerne genießen, bekämpfen», sagt der luxemburgische Schauspieler und Ko-Präsident der Partei Déi Gréng.

Auf Gemeinsamkeiten zwischen den Clearstream-Affären und «Luxleaks» angesprochen, äußert sich Hempel knapp: «Ein System profitiert von dem anderen, sie funktionieren nach dem gleichen Mechanismus». Wirklich überrascht von den Luxleaks-Enthüllungen will auch Regisseur Vincent Garenq nicht gewesen sein. «Das erstaunt mich nicht, das Geschäft der Multis ist skandalös». Allerdings, so gibt er zu, haben die Vorfälle auch einen Werbeeffekt für den Film.

(Sophia Schülke/L'essentiel)

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