21 Tote im Ärmelkanal – «Ich weiß nicht, ob wir es schaffen werden»

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21 Tote im Ärmelkanal«Ich weiß nicht, ob wir es schaffen werden»

Beim Kentern eines Flüchtlingsbootes auf dem Ärmelkanal sind am Mittwoch 27 Asylsuchende gestorben. Nun haben sich erstmals Betroffene zum Unglück geäußert.

Nach dem Bootsunglück auf dem Ärmelkanal, bei dem am Donnerstag 27 Personen ums Leben kamen, darunter auch Kinder und eine schwangere Frau, dauert die Identifikation der Verstorbenen weiter an. Aus Furcht vor einer Rückführung ins Herkunftsland nehmen die meisten Flüchtlinge die Überquerung des Ärmelkanals ohne Ausweisdokumente in Angriff, was die Bestimmung der Opfer zusätzlich erschwert.

«Motor ist nicht stark genug»

Ein Migrant, der seit dem Bootsunglück vermisst wird, telefonierte während der Überfahrt mit einem Freund. «Es sieht nicht gut aus, der Motor ist nicht stark genug — ich weiß nicht, ob wir es schaffen werden», sagte der 31-jährige Mohammad Aziz zu seinem Freund Peshrar Aziz. Seither fehlt vom irakischen Kurden jede Spur.

Große Sorge herrscht auch um den Verbleib von vier jungen Migranten, wie die «Daily Mail» schreibt. Demnach seien auch der zwölfjährige Riaz Mohammed, der 17-jährige Share Mohammed und die beiden Teenager Palowan (16) und Shinai (15) an Bord des gekenterten Gummiboots gewesen. Freunde, die die Jugendlichen gestern nicht erreichen konnten, befürchten, dass sie ebenfalls unter den Opfern sein könnten.

«Wie in ‹Titanic›»

Unter den 27 Toten befinden sich 17 Männer, sieben Frauen sowie zwei Jungen und ein Mädchen, wie die Behörden berichten. Ein Freiwilliger, der bei der Seerettung der Schiffbrüchigen beteiligt war, vergleicht die Szenen vom Mittwochabend mit einem Katastrophenfilm.

«Es war ein wenig wie in ‹Titanic›, wo man all diese Leute im Wasser treiben sieht, wie sie ertrinken und keine Chance haben, gerettet zu werden. Wir konnten nur noch die Toten bergen», sagte Charles Devos zur «Daily Mail». Er habe noch das komplett platte Schlauchboot gesehen, wahrscheinlich sei es überladen gewesen.

Crash mit Containerschiff?

Die einzigen beiden Überlebenden des Unglücks, ein Iraker und ein Somalier, haben gegenüber der französischen Polizei ausgesagt, dass das Gummiboot von einem Containerschiff getroffen wurde. Beim Zusammenstoß sei ein Loch am Gummiboot entstanden, das daraufhin zu sinken begann. Die beiden verbrachten die Nacht von Donnerstag auf Freitag wegen Unterkühlung im Krankenhaus.

Nach Angaben der zuständigen Präfektur ist die Zahl der versuchten Überfahrten von Frankreich nach Großbritannien seit Beginn des Jahres auf 31’500 gestiegen. Damit hat sie sich seit August verdoppelt. Etwa 7800 Menschen wurden aus Seenot gerettet. Insgesamt sind 2021 bislang mindestens zwölf Menschen gestorben oder gelten als vermisst. Die Überfahrten von Migranten nach Großbritannien tragen erheblich zu den Spannungen zwischen Paris und London bei.

Großbritannien als beliebtes Endziel

Die Migranten nutzen oft seeuntaugliche Boote und zahlen Schleppern hohe Preise. Viele wollen nach Großbritannien, weil sie die Sprache sprechen und dort bereits Bekannte oder Verwandte haben. Der Anstieg der Zahlen seit August dürfte damit zu tun haben, dass die Überfahrt mit den sinkenden Temperaturen demnächst noch gefährlicher wird.

(L'essentiel/Benedikt Hollenstein)

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