Deutschland – «Immer weniger können von ihrer Arbeit leben»
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Deutschland«Immer weniger können von ihrer Arbeit leben»

Die Angst vor Armut geht in Deutschland um. Mehr als jeder Sechste gilt als armutsgefährdet, obwohl die Wirtschaft brummt. Ein teuer erkauftes «Wunder».

Immer mehr Deutsche rutschen in die Armut.

Immer mehr Deutsche rutschen in die Armut.

DPA

In den deutschen Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern leben laut einem Vergleich nur wenig arme Menschen. Dagegen gelten Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen-Anhalt als Problemregionen mit den meisten Armen in Deutschland.

Dies geht aus dem Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zur regionalen Armutsentwicklung in der Bundesrepublik hervor. Danach ist seit 2006 die Armutsgefährdungsquote in Deutschland stetig gestiegen und hat 2011 mit 15,1 Prozent einen neuen Höchststand erreicht. Das sind 12,4 Millionen Menschen - rund eine halbe Million mehr als noch 2010.

«Immer weniger können von ihrer Arbeit leben»

Mit Bremen landet erstmals ein westdeutsches Bundesland auf dem letzten Platz des nun zum dritten Mal vom Verband erstellten Länderrankings. Dort gelten 22,3 Prozent der Bewohner als armutsgefährdet. Nicht viel besser sieht es in Mecklenburg-Vorpommern (22,2) und Berlin (21,1) aus. Weit überdurchschnittliche Armutsgefährdungsquoten haben auch Sachsen-Anhalt (20,5) und Sachsen (19,6). Weit unter dem Bundesschnitt von 15,1 Prozent liegen Baden-Württemberg (11,2), Bayern (11,3) und Hessen (12,7).

Ruhrgebiet und Berlin gefährdet

Einen besonders negativen Trend zeigt der Bericht für Berlin und das Ruhrgebiet auf. Mit 3,5 Millionen Einwohnern in Berlin und 5 Millionen im Ruhrgebiet bilden beide Regionen die größten Ballungsräume Deutschlands. Mehr als jeder zehnte Einwohner der Bundesrepublik wohnt in einem dieser beiden Gebiete.

In Berlin sprang die Armutsgefährdungsquote von 2010 auf 2011 um 1,9 Prozentpunkte auf 21,1 Prozent, im Ruhrgebiet um 1,5 Prozentpunkte auf 18,9 Prozent. Besonders dramatisch ist laut Bericht die Entwicklung in Dortmund, wo die Quote inzwischen bei 24,2 Prozent liegt, gefolgt von Duisburg (23,5). Negativwerte von über 20 Prozent weisen zum Beispiel auch die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover (22,6) auf, ebenso der Landkreis Goslar (20,1).

«Man sollte die Probleme weder dramatisieren noch kleinreden»

SPD-Chef Sigmar Gabriel sieht in dem Bericht einen Beleg dafür, «wie zynisch und verlogen die "Alles ist gut-Rhetorik" der Koalition von Union und FDP ist». Die Armut wachse trotz guter Wirtschaftslage und positiver Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt dramatisch.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hält dagegen die Entwicklung für nicht alarmierend. «Man sollte die Probleme weder dramatisieren noch kleinreden. Armut ist in einem reichen Land wie Deutschland relativ».

(L’essentiel Online / dpa)

Wer gilt in Deutschland als arm?

Als armutsgefährdet gilt in Deutschland, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Monatseinkommens für seine Lebensführung zur Verfügung hat. Bei einem Single-Haushalt sind dies weniger als 848 Euro, bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren weniger als 1781 Euro.

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