Top-Club im Ukraine-Krieg - «In der Heimat fallen täglich Bomben, wie soll ich an Fußball denken?»

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Top-Club im Ukraine-Krieg«In der Heimat fallen täglich Bomben, wie soll ich an Fußball denken?»

Schon vor acht Jahren musste Schachtar Donzek vor dem Krieg flüchten. Nun erlebt der Top-Club den nächsten Schock. Die Fußballer haben alles zurückgelassen – auch der ukrainische Nationalspieler Taras Stepanenko. Wir haben mit ihm gesprochen.

von
Nils Hänggi
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Schachtar-Star Taras Stepanenko ist mit seiner Familie in Sicherheit.

Schachtar-Star Taras Stepanenko ist mit seiner Familie in Sicherheit.

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Mit uns spricht er über den Krieg, Putin und einen Einsatz als Soldat

Mit uns spricht er über den Krieg, Putin und einen Einsatz als Soldat

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Er sagt: «Natürlich dachte ich daran, ein Gewehr zu nehmen und in den Krieg zu ziehen. Aber ich habe keinerlei militärische Erfahrung, hatte noch nie ein Gewehr in der Hand.»

Er sagt: «Natürlich dachte ich daran, ein Gewehr zu nehmen und in den Krieg zu ziehen. Aber ich habe keinerlei militärische Erfahrung, hatte noch nie ein Gewehr in der Hand.»

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«Meine Frau weint nur noch, meine Kinder verstehen es nicht und fragen mich: Wieso sind überall Bomben? Wieso macht das Putin?» Das sagt Taras Stepanenko, Ukraine-Fußballer, der bei Schachtar Donezk unter Vertrag steht. Eigentlich hätte er sich in diesen Tagen mit der ukrainischen Nationalmannschaft auf das WM-Quali-Playoffspiel gegen Schottland vorbereitet. Dieses wurde aufgrund der aktuellen Situation aber auf Juni verschoben.

Um Fußball geht es im Leben des Mittelfeld-Stars von Schachtar Donezk aber aktuell sowieso nicht. «In meiner Heimat fallen täglich Bomben, wie soll ich da an Fußball denken?», sagt er im Gespräch mit uns. Vielmehr geht es dem 69-maligen ukrainischen Nationalspieler nur noch darum, seine Familie zu beschützen und Menschen beim Überleben zu helfen. Kein Fußball mehr, kein Training. Sondern: Raketenangriffe, Tote, Flucht, kurz: Krieg.

«Ich wachte irgendwann am frühen Morgen auf. Bomben haben mich geweckt. Meine Frau und ich waren fassungslos. Ich sagte zu meiner Frau: Krieg? Das ist nicht möglich. Ich verstand es nicht», erzählt der 32-Jährige.

«Ich hatte noch nie ein Gewehr in der Hand»

Zunächst flüchtete er mit seiner Frau und den gemeinsamen drei Kindern in eine sichere Unterkunft. Dann ging es weiter über Moldau nach Rumänien. Weil Stepanenko finanziell für drei Kinder unter 18 Jahren verantwortlich ist, durfte er die Grenze passieren. Eine Ausnahme: Schließlich sind seit der Generalmobilmachung sämtliche Männer im Alter zwischen 18 und 60 Teil der Landesverteidigung geworden – ob sie es wollen oder nicht.

Stepanenko hat sich aber durchaus überlegt, selbst zu kämpfen. Uns sagt er: «Natürlich dachte ich daran, ein Gewehr zu nehmen und in den Krieg zu ziehen. Aber ich habe keinerlei militärische Erfahrung, hatte noch nie ein Gewehr in der Hand.» Auch die Frau des ukrainischen Nationalspielers wollte nicht, dass ihr Mann in den Krieg zog.

Und so hilft er auf andere Art und Weise. Zusammen mit seinen Teamkollegen organisiert er Hilfsgüter und medizinisches Material. «Ich denke jeden Tag an die Menschen in meiner Heimat und bete für sie.» Er mache alles, was möglich sei Stepanenko: «So kann ich helfen. Ich bin eben Fußballer – kein Soldat.»

«Ich glaube daran, dass es wieder Frieden gibt – irgendwann»

Streng genommen tobt der Krieg für die Donzeker Bevölkerung und die Schachtar-Spieler schon seit über acht Jahren. Seit seinem Transfer zu Schachtar nannte Stepanenko schon vier Städte und Stadien seine Heimat, da sich der Club seit der ersten Offensive Putins 2014 aus Donzek zurückziehen musste. Obwohl man deshalb schon einiges gewohnt ist, ist man ob des aktuellen Krieges im gesamten Verein schockiert. Die Südamerika-Stars sind geflüchtet, auch das italienische Trainerteam hat das Land verlassen. Ein Jugendcoach wurde bereits von einer russischen Patrone getroffen.

Stepanenko und viele andere Ukraine-Profis beziehen klar Stellung – auch sein mächtiger Clubbesitzer und reichster Mensch der Ukraine, Rinat Achmetow, wählte deutliche Worte. Die ukrainische Fußballlegende und ehemaliger Mitspieler Stepanenkos, Anatolij Tymoschtschuk, schweigt allerdings seit Wochen. Er ist Co-Trainer beim russischen Gazprom-Club Zenit St. Petersburg. Darauf angesprochen meint Stepanenko: «Ich verstehe nicht, wieso er nichts sagt. Ich denke, er muss seine Position äußern. In einem Krieg gibt es keine neutrale Position. Ich weiß nur, dass er mit seinem Schweigen keine Legende mehr ist.»

Am Telefon wirkt der 32-Jährige gefasst. Doch man merkt ihm an – die Situation belastet den Fußballer. Verständlich. Wie der Krieg gestoppt werden kann, das weiß er nicht genau. Wie auch? Stepanenko sagt: «Die ganze Welt muss helfen, Putins Truppen zu stoppen.» Und dann: «Ich glaube daran, dass es wieder Frieden gibt – irgendwann.»

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