Wohnen in der Großregion – «In Luxemburg lebt man nicht mehr, man überlebt»

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Wohnen in der Großregion«In Luxemburg lebt man nicht mehr, man überlebt»

LUXEMBURG – Durch die hohen Wohnungskosten und Immobilienpreise im Großherzogtum ziehen immer mehr Luxemburger in die Nachbarländer.

Immer mehr Luxemburger zieht es wegen der hohen Immobilienpreise in die Nachbarländer.

Immer mehr Luxemburger zieht es wegen der hohen Immobilienpreise in die Nachbarländer.

Editpress

Sara* hat schon immer in Luxemburg gelebt. Aber da sie seit vergangenem Jahr von ihrem Mann getrennt lebt, ist sie nun gezwungen dem Großherzogtum den Rücken zu kehren. Ihr Haus in Esch/Alzette ist verkauft worden und sie hat gerade ein Haus in der Nähe der Grenze im französischen Thil gekauft. «Ich habe drei Kinder. Eine Wohnung mit drei Kinderzimmern in Esch kann ich mir nicht leisten. Das sind mindestens 1800 Euro. Mit den Nebenkosten ist das mein gesamtes Gehalt», sagt die 45-Jährige.

Für 200.000 Euro bekommt die Portugiesin in Frankreich ein Haus mit genügend Zimmern für ihre ganze Familie. «In Esch würde es 900.000 Euro oder eine Million kosten. Ich wollte nicht weg, aber in Luxemburg lebt man nicht mehr, man überlebt. Wir zahlen die Rechnungen und können uns nichts leisten», sagt sie und will nicht, dass ihre Kinder in Zukunft für sie zahlen müssen. «Ich habe eine Freundin, die ihr Haus in Rümelingen verkauft hat, um ein Objekt in Frankreich zu kaufen. Viele Luxemburger gehen nach Belgien, Frankreich oder Deutschland.»

Luxemburger suchen bis zu 30 Kilometer hinter der Grenze

Saras Immobilienmakler Fatih Amri kann das Phänomen bestätigen. Zusätzlich zu seinem Büro in Esch eröffnete er Ende 2019 ein weiteres im französischen Tiercelet. 70 Prozent seiner Kunden kommen aus Luxemburg. Oft «für Häuser mit Garten».

Auch Nicolas Leclere mit einem Büro in Audun-le-Roman bestätigt den Trend, der seit einem Jahr regelrecht explodiert sei. Der Großteil der Kunden suche Häuser, die etwa fünf Kilometer von der luxemburgischen Grenze entfernt sind. Einige wären aber auch bereit bis zu 30 Kilometer in Kauf zu nehmen. Viele der Kunden sind keine gebürtigen Luxemburger. Die Budgets variieren, manche können sich Luxemburg nicht mehr leisten, andere wollen ein größeres Haus. Und die Preise steigen. «Häuser in einer Bergbausiedlung in Bouligny (Maas) sind in einem Jahr von 40.000 Euro auf 80.000 Euro gestiegen». In der Nähe der Grenze haben die Einheimischen oft Mühe, eine Unterkunft zu finden.

*Name von der Redaktion geändert.

(Nicolas Martin/L'essentiel)

Statistik der Großregion

Im Jahr 2020 wohnten 10.960 Luxemburger, die im Großherzogtum arbeiten, in einem anderen Land der Großregion als ihrem Herkunftsland. Eintausend mehr als 2019, dreimal mehr als 2011 und fast achtmal mehr als 2002. Sie werden als «atypische Grenzgänger» bezeichnet. 3840 von ihnen lebten in Belgien, 3620 in Deutschland und 3500 in Frankreich, so die Interregionale Beobachtungsstelle für den Arbeitsmarkt unter Berufung auf Zahlen der Generalinspektion für soziale Sicherheit (IGSS). Nicht berücksichtigt sind in diesen Zahlen die Familien und ausländische Einwohner Luxemburgs.

Berücksichtigt man auch diese Menschen, wird die Entwicklung noch deutlicher. So zählte die Statistik der Großregion im Jahr 2020 mehr als 20.000 Luxemburger, die in Wallonien, dem Saarland, Rheinland-Pfalz und Lothringen leben, im Vergleich zu rund 12.000 im Jahr 2011. Allein auf Rheinland-Pfalz entfielen im vergangenen Jahr mehr als 9470. Das Ausmaß des Phänomens hat die Gemeinde Perl in Deutschland dazu veranlasst, Einheimischen bei der Vergabe von Baugrundstücken den Vorrang zu geben, und viele Grenzgemeinden nehmen den Trend in ihre Zukunftspläne auf.

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