Makabrer Online-Kult – Internet-Kult verhöhnt toten Trayvon

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Makabrer Online-KultInternet-Kult verhöhnt toten Trayvon

Planking war einmal. Die neuste Mode im Internet heißt: Posieren wie der erschossene Teenager Trayvon Martin. Für Kritiker schmeckt der üble Scherz nach Rassismus.

Posieren mit Hoodie, Skittles und Eistee: Der neuste fragwürdige Trend im Internet.

Posieren mit Hoodie, Skittles und Eistee: Der neuste fragwürdige Trend im Internet.

Respekt ist keine verbreitete Tugend im Internet. Wenn es einen Beweis für diese Tatsache gebraucht hätte, dann liefert ihn dieser Tage die Foto-Mode «Trayvoning». Der letzte Schrei für die Selbstdarsteller im Web folgt einem einfachen Rezept: Man ziehe sich einen Kapuzenpullover über, kaufe Skittles-Fruchtbonbons und eine Dose Arizona-Eistee und lege sich wie tot auf den Boden. Dann fotografiert man sich, als wäre man Trayvon Martin.

So hieß der unbewaffnete 17-jährige Schwarze, der im Februar in Florida vom Nachbarschaftswächter George Zimmerman erschossen wurde, als er vom Einkauf im Quartierladen in eine Wohnsiedlung zurückkehren wollte. Der Fall machte weltweit Schlagzeilen, weil gegen den Täter monatelang keine Anklage erhoben wurde.

«Dieser Shit ist NICHT süß»

Die ersten Fotos von Jugendlichen beim Trayvoning tauchten vor einer Woche auf. Der Mode wurden sogar zwei Facebook-Seiten gewidmet, wovon eine bald geschlossen wurde. Online ist noch eine gleichnamige Community-Seite, die sich anpreist als «Ort, um Bilder von Leuten zu 'posten', die sich dem Trayvoning verschrieben haben.» Ein typischer Kommentar auf der Trayvoning-Seite: «Ihr seid alle verdammt krank im Kopf! Dieser Shit ist NICHT süß.»

Das neuste Meme, wie Moden im Internet genannt werden, ähnelt seinen Vorgängern nur an der Oberfläche. Letztes Jahr machte das Planking die Runde, bei dem sich Leute mit dem Kopf nach unten flach wie ein Brett an irgendwelchen gefährlich aussehenden Orten hinlegten. Für Owling, das nächste Meme, kauerte man sich mit angezogenen Knien hin, als sei man eine Eule. Anfang dieses Jahres grassierte Tebowing, die Kopie der knieenden Gebetsstellung des Star-Footballers und bekennenden Christen Tim Tebow.

Rassismus gegen Weiße?

Aber keine dieser Moden wagte sich so weit ins Gebiet der Respektlosigkeit vor wie Trayvoning. Auf der Liveblogging-Website ONTD schrieb eine Userin namens «pistol_eyes»: «Ich erinnere mich nicht an irgendeinen Mord – schwarz oder weiß –, der je auf eine so respektlose Weise verhöhnt worden wäre.» Für sie ist Trayvoning «ein weiterer Beweis dafür, dass Amerika nicht fähig ist, einen schwarzen Jungen als Opfer anzusehen.»

Die Bloggerin könnte auf ein Körnchen Wahrheit gestoßen sein. Trayvoning mag nämlich auf der Lust am Tabubruch basieren und darauf, dass die Aufregung um den Fall Trayvon Martin für viele zu weit ging. Doch ohne einen tendenziell rassistischen Hintergrund wäre das Meme kaum entstanden. Wie die Zeitung «Miami NewTimes» mit Verweis auf den Newsblog Hypervocal berichtet, haben sich Mitglieder der Trayvoning-Seite auf Facebook mit entsprechenden Kommentaren verraten: «Angeblich bekämpfen sie 'Rassismus gegen Weiße'»; sie behaupten, «weiße Leute werden mehr und mehr unterdrückt».

Für die «Miami NewTimes» ist das völliger Blödsinn – und eine gefährliche Entgleisung. «No, sorry. Nicht lustig, guys», erklärt der Autor. Und er stellt die rhetorische Frage: «Was kommt jetzt? Holocausting?»

(L'essentiel Online/Martin Suter)

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