Sexszenen in Film und TV – «Intimität muss man vorbereiten wie einen Stunt»
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Sexszenen in Film und TV«Intimität muss man vorbereiten wie einen Stunt»

Die Britin Ita O’Brien koordinierte die Sexszenen für TV-Hits wie «I May Destroy You» oder «Normal People». Im Interview erklärt sie, warum ihre Arbeit so wichtig ist.

Ita O’Brien, der Beruf der Intimitätskoordinatorin ist noch sehr jung. Wann und wie hast du gemerkt, dass es diese Rolle braucht?

Ita O’Brien: Als ich am Theater ein Stück inszenierte, das sexuellen Missbrauch behandelt, und ich selber einen Safe Space für die Darsteller und das Team schaffen musste. Danach wurde ich öfter von Kollegen angefragt und so begannen wir gemeinsam die Richtlinien für Intimität am Set festzulegen. Das war noch vor Weinstein.

Kriegst du seit dem Skandal mehr Anfragen?

Oh ja! Damals hat die Filmindustrie begriffen, dass sie den Verhaltenskodex branchenintern durchs Band reformieren muss. Die erste große Produktion, die auf mich zukam, war «Sex Education». Einige der Strukturen und Guidelines, nach denen wir heute arbeiten, sind erst mit dieser Show entstanden.

Zum Beispiel?

Dass explizit Probezeit für intime Szenen eingeplant wird.

Gab es das vorher nicht?

Nein! Es ist zwar allen klar, dass Stunts akribisch vorbereitet werden müssen, dass Schauspieler etwa lernen müssen, wie man mit einem Schwert kämpft. Aber Intimität? Man ging davon aus, dass wir alle Sex haben und schon wissen wie das funktioniert.

Beides stimmt nicht, oder?

Gerade in der Arbeit mit jungen Schauspielern höre ich vermehrt, dass sie schlicht noch keine sexuelle Erfahrung gemacht haben. Das heißt nicht, dass sie keine Intimität darstellen können, es bedeutet aber, dass die Recherche umfangreicher wird. Und mir geht es ja gleich. Wenn ich etwa an ein Set wie «It’s a Sin» komme, der schwulen Sex zeigt, muss ich mir viel Wissen aneignen, inklusive physischer Details.

Ganz konkret, wie sieht so ein Prozess für dich und die Crew aus, von der Idee zur Umsetzung?

Nachdem die Inhalte der Szenen im Detail von allen Beteiligten abgesegnet sind, inklusive inwiefern sich Darsteller nackt zeigen, werden sie streng choreografiert. So vermeidet man auch, dass sich intime Szenen unnötig in die Länge ziehen. Oder umgekehrt, dass etwas fehlt.

Kannst du das etwas genauer erklären?

Ziel ist, dass jedes Take dem Erzählstrang dient. Wenn man als Zuschauer eine Sexszene als zu lang empfindet oder man sich dabei als Voyeur fühlt, fühlten sich auch die Darsteller beim Dreh unwohl, da bin ich mir sicher.

Wie gehst du an Szenen ran, die explizit sexuelle Gewalt darstellen?

Bei einer Serie wie bei «I May Destroy You» ziehe ich Experten hinzu. Ich spreche zwar viel mit allen Involvierten und mag erkennen, wenn jemand strauchelt, aber ich bin keine Psychologin. Es ist auch wichtig, das gesamte Produktionsteam einzubeziehen und nicht nur die Darsteller. Das Thema sexuelle Gewalt kann jeden und jede triggern und du weißt nie wen.

Gab es am Set schon Situationen, bei denen du eingreifen musstest?

Nein, bisher nicht. Wenn ich einen guten Job mache, ist das nicht nötig. Was aber gerade bei männlichen Darstellern immer wieder Thema ist, sind Erektionen. Meine Aufgabe ist es, ihnen die Hemmung zu nehmen, ein Timeout einzufordern. In der Regel spürt man ja, bevor sich etwas regt.

Werden detaillierte Sexszenen eigentlich komplett nackt gedreht?

Nein, wo immer sich Genitalien berühren könnten, kommen Patches zum Einsatz, alles andere wäre absolut unprofessionell.

Wie sehr beeinflusst Corona derzeit deine Arbeit?

Schon sehr, denn mein Job am Set, aber auch in Ausbildungssituationen, Workshops und so weiter, bedingt die physische Arbeit. Das geht derzeit einfach nicht. Aber in Gesprächen kann ich weiter über meinen Beruf aufklären und die Diskussion am Laufen halten.

(L'essentiel/Melanie Biedermann)

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