Leben in Gefangenschaft – Irakische Jungen schildern IS-Gräuel

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Leben in GefangenschaftIrakische Jungen schildern IS-Gräuel

Bei ihrem Vormarsch im Irak nahm der IS tausende Kinder gefangen. Viele wurden indoktriniert und auf einen Einsatz als Selbstmordattentäter vorbereitet.

Die Lektion war so klar wie perfide: Ausgehungert mussten mehrere kleine Jungen um eine einzelne Tomate kämpfen. Anschließend wurde ihnen gesagt, dass es einen Ort gebe, an dem sie sich jederzeit nach Herzenslust satt essen könnten – das Paradies.

Und um dorthin zu gelangen, müssten sie sich selbst in die Luft sprengen. Die meisten der Kinder waren Jesiden. Der «Islamsiche Staat» IS hatte sie entführt, um sie nach der Gehirnwäsche als «menschliche Waffen» einzusetzen.

«Ich kann nicht richtig schlafen»

In den Flüchtlingslagern im Norden des Iraks werden Kinder und Jugendliche, die solchen Manipulationen ausgesetzt waren, so gut es geht betreut. «Auch hier habe ich noch immer sehr große Angst», sagt Ahmed Amin Koro. Der 17-Jährige ist in dem Lager Esjan untergekommen, gemeinsam mit seiner Mutter, einer Schwester und einem Bruder – den einzigen Überlebenden der Familie.

«Ich kann nicht richtig schlafen, weil ich sie in meinen Träumen sehe», sagt Ahmed. Mit «sie» sind die Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat gemeint. Vor knapp drei Jahren stürmten die sunnitischen Extremisten die Städte und Dörfer der Jesiden.

«Sie sahen aus wie Monster»

Zehntausende Anhänger der religiösen Minderheit wurden getötet. Tausende junge Frauen wurden verschleppt und als Sexsklavinnen missbraucht. Mit militärischer Unterstützung der USA konnten kurdische Kämpfer die jesidische Stadt Sindschar im November 2015 wieder befreien. Aber nach Schätzungen der Organisation Human Rights Watch leben in Syrien und im Irak noch immer etwa 3500 Jesiden in IS-Gefangenschaft.

Ahmeds Familie versuchte zu fliehen, als der IS ihr Dorf überfiel. Doch Ahmed, sein 13-jähriger Bruder Amin sowie vier Cousins wurden gefangen genommen. Die Terroristen brachten die Jungen in die 50 Kilometer entfernte Stadt Tal Afar. «Es waren alles große bärtige Männer, sie sahen aus wie Monster», sagt Ahmed. Auch einige Mädchen, die den IS-Kämpfern gefallen hätten, seien mitgenommen worden. «Ich erinnere mich, wie die Mädchen weinten, genau wie ihre Mütter. Sie haben diese Mädchen aus den Armen ihrer Mütter weggezerrt.»

«Du bist jetzt einer von uns»

Als einer von etwa 200 Jungen wurde Ahmed in Tal Afar für zwei Monate in ein Trainingslager gesteckt. Dort wurde nicht nur eine fundamentalistische Auslegung des Korans gepredigt. Die Jungen lernten auch, mit Sturmgewehren und Pistolen zu schießen.

Außerdem mussten sie Videos ansehen, in denen unter anderem gezeigt wurde, wie man einen Sprengstoffgürtel anzieht, wie man eine Granate wirft und wie man einen Menschen enthauptet. «Sie sagten: ‹Du bist kein Jeside mehr, du bis jetzt einer von uns›», erinnert sich Ahmed.

«Wenn du groß bist, wirst du dich in die Luft sprengen, so Gott will»

Akram Rascho Chalaf war gerade erst sieben Jahre alt, als seine Heimatstadt vom IS überrannt wurde. Als seine Familie zu flüchten versuchte, eröffneten die Extremisten das Feuer. Weil Akram dabei Schussverletzungen erlitt, wurde er zunächst in der damals noch komplett vom IS gehaltenen Metropole Mosul behandelt. Was aus seinen Eltern geworden ist, weiß er nicht. Später brachten die IS-Kämpfer ihn nach Raqqa, die De-facto-Hauptstadt des IS in Syrien.

«Sie behaupteten, dass sie unsere Freunde seien, aber alle Kinder hatten Todesangst», sagt Akram, der inzwischen mit einem Onkel, zwei Geschwistern und anderen Verwandten im Flüchtlingslager Kabarto lebt. «Sie sagten uns: ‹Wenn du groß bist, wirst du dich in die Luft sprengen, so Gott will.›»

Akram wurde aus Raqqa herausgeschmuggelt

«Den nach Raqqa entführten Jungen wurde beigebracht, auf dem Bauch durch brennende Barrikaden zu kriechen sowie über Hindernisse oder von Dächern zu springen. Weil Akram noch nicht stark genug war, um eine Waffe zu halten, musste er als Diener arbeiten.

Gut zwei Jahre nach der Gefangennahme Akrams erhielt sein Onkel ein Foto des Jungen. Die Absender boten ihm an, den Neffen gegen Zahlung von 10.500 Dollar (etwa 10.500 Euro) aus Raqqa herauszuschmuggeln – eine in den IS-Gebieten zunehmend verbreitete Praxis. Von Verwandten in Deutschland konnte sich der Onkel das notwendige Geld leihen. Am 26. November 2016 war Akram dann mit denen vereint, die von seiner Familie noch übrig waren.

«Wir wären fast gestorben»

Ahmed entkam auf eigene Faust. Am 4. Mai 2015, neun Monate nach seiner Entführung, flüchtete er mit seinem Bruder aus dem Trainingscamp in Tal Afar. Bis zum Einbruch der Dunkelheit versteckten sie sich in einer Moschee und schlossen sich dann einer kleinen Gruppe weiterer Flüchtlinge an.

«Wir waren sehr durstig, weil uns das Wasser ausgegangen war», sagt er. «Wir wären fast gestorben.» Nach einem neuntägigen Fußmarsch erreichten sie die Berge von Sindschar, wo sie von kurdischen Peschmerga-Kämpfern gerettet wurden.

Familien müssen gefährliche Gegenstände verstecken

Für Akram wie für Ahmed wird es aber wohl noch lange dauern, bis sie das Grauen ihrer Gefangenschaft verarbeitet haben. «Wir haben schon viele Kinder erlebt, die selbst gewalttätig werden», sagt Carl Gaede von der in den USA ansässigen Organisation Tutapona, die sich auf Kriegstraumata spezialisiert hat.

Oft müssten die Familien Messer und andere gefährliche Gegenstände verstecken, weil sie nicht wüssten, ob und wie die Kinder sie einsetzen könnten.

«Wenn ich erwachsen bin, werde ich mich am IS rächen»

Akram leidet nach Angaben seines Onkels an Albträumen, Angstzuständen, Schlafstörungen und Bettnässen – ähnlich wie sein achtjähriger Bruder und seine fünfjährige Schwester, die ebenfalls nach Zahlung von Lösegeld befreit wurden.

Ahmed wird von einem Betreuer begleitet, ansonsten besucht er im Lager Esjan eine Schule und betreibt einen kleinen Laden. Auf die Frage nach seinen Zukunftsplänen antwortet er prompt: «Wenn ich erwachsen bin, werde ich mich am IS rächen.»

(L'essentiel/Benjamin Wünsch)

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