Faktencheck: Ist das chinesische Tiktok besser als unseres?

Publiziert

FaktencheckIst das chinesische Tiktok besser als unseres?

Für rechte Meinungsmacherinnen und -macher in den USA ist klar: Während das chinesische Tiktok seine Nutzer bildet, will Tiktok im Westen aus seinen Nutzern Dummköpfe machen. Doch stimmt das?

von
Jean-Claude Gerber
1 / 19
Der erfolgreiche, wenn auch umstrittene US-Podcaster Joe Rogan ist kein Freund von Tiktok. Dafür lobt er das chinesische Pendant Douyin.

Der erfolgreiche, wenn auch umstrittene US-Podcaster Joe Rogan ist kein Freund von Tiktok. Dafür lobt er das chinesische Pendant Douyin.

Screenshot Tiktok
Dort würden Videos hervorgehoben, die wissenschaftliche Erfolge, sportliche Leistungen und einflussreiche Errungenschaften zeigen.

Dort würden Videos hervorgehoben, die wissenschaftliche Erfolge, sportliche Leistungen und einflussreiche Errungenschaften zeigen.

Screenshot Tiktok
Auf dem amerikanischen Tiktok würden dagegen bewusst «verrücktes Gender-Zeugs» und Tanzschritte gezeigt.

Auf dem amerikanischen Tiktok würden dagegen bewusst «verrücktes Gender-Zeugs» und Tanzschritte gezeigt.

Screenshot Tiktok

Vor ein paar Tagen zog der amerikanische Podcaster Joe Rogan in einer seiner Sendungen über das Videoportal Tiktok her. Der Vorwurf: Während die chinesische Version von Tiktok, Douyin genannt, wissenschaftliche Erfolge, sportliche Leistungen und einflussreiche Errungenschaften hervorhebe, verfolge Tiktok das Ziel, aus Amerikanerinnen und Amerikanern Dummköpfe zu machen. Denn Tiktok zeige den Kids in den USA bewusst «verrücktes Gender-Zeugs» und Tanzschritte.

Der Vorwurf ist nicht neu und besonders bei der amerikanischen Rechten ein wiederkehrendes Thema. So zeigte der bekannte Kommentator Tucker Carlson kürzlich auf Fox News sorgsam ausgesuchte Clips von Douyin und stellte sie ebensolchen von Tiktok gegenüber. Die Beispiele von Douyin zeigten Kinder, die ihre Lehrerin ehren, Rubik-Würfel blind lösen oder fantastisch zeichnen. Von US-Tiktok gabs ausschließlich leicht bekleidete Frauen in verschiedenen Szenarien zu sehen. Carlson ergänzte, dass Tiktok zudem voll sei mit Videos, die Kindern eine Geschlechtsumwandlung schmackhaft machen wollen. Sein Fazit: Das chinesische Tiktok sei «anständig und bestätigend», während das amerikanische Tiktok soziales Chaos fördere.

Rogan, der in der Vergangenheit Tiktok schon mehrfach kritisiert hatte, fügte an, dass China seine Kinder besser schütze, da unter 14-Jährige nach 22 Uhr Douyin nicht mehr nutzen können. Er gibt sich überzeugt, dass die Chinesen so den globalen Machtpoker gewinnen werden. «Sie werden die Amerikaner dadurch unterwerfen, dass sie uns zu Idioten machen.»

Publikum sieht, was es sehen will

Doch ist Douyin wirklich besser für die Kids, wie Rogan behauptet? Für Eltern, die ihre Kinder abends nicht vom Smartphone wegkriegen, biete Douyin tatsächlich den Vorteil der Nutzungsbeschränkung. Seit letztem September können Kinder bis 14 die Plattform nur noch von sechs bis 22 Uhr nutzen und das pro Tag maximal 40 Minuten. Es sei denn, die Eltern geben nach und lassen die Kinder über ihr Erwachsenen-Konto schauen, womit der von Rogan gelobte Kinderschutz ausgehebelt wird.

Tiktok vs. Douyin

Die Videoplattformen Douyin und Tiktok gehören beide dem chinesischen Unternehmen Bytedance. Während Douyin sich ausschließlich an ein chinesisches Publikum richtet, ist Tiktok die Plattform für die Welt außerhalb Chinas. Die beiden Plattformen gleichen sich in vielem, sind aber komplett separat. Douyin ist verglichen mit Tiktok deutlich stärker auf E-Commerce ausgerichtet. So kann etwa aus einem Video mit drei Klicks ein Produkt bestellt werden. Dazu kommen erweiterte Livestream-Funktionen und Funktionen wie Voice-Kommentare. Speziell an Douyin ist, dass die Plattform anders als Tiktok nicht nur von einem ganz jungen Publikum genutzt wird, sondern auch von über 35-Jährigen, die rund 25 Prozent der Nutzerschaft ausmachen.

Wie sieht es mit den Inhalten aus? Der Erfolg von Tiktok beruht auf seinem ausgefeilten Algorithmus, der genau erkennt, was die Nutzerinnen und Nutzer sehen wollen – und ihnen die entsprechenden Inhalte liefert. Wer auf Tiktok, das ausdrücklich als Unterhaltungsplattform entwickelt wurde, tanzende Menschen sehen möchte, bekommt tanzende Menschen geliefert. Will jemand wissenschaftliche Videos sehen, die es mittlerweile ebenfalls in großer Zahl auf Tiktok gibt, werden ihm wissenschaftliche Videos ausgespielt. Tiktok zeigt Nutzerinnen und Nutzern praktisch keine Videos an, die sie nicht sehen wollen. Denn damit würde die Plattform ihr Geschäftsmodell zerstören.

Wenn also Rogan und Carlson sich darüber aufregen, dass Tiktok seinen Nutzerinnen und Nutzern Videos tanzender Mädchen aufdränge, dann haben sie nicht begriffen, wie Tiktok funktioniert. Schließlich kann man Tiktok bei jedem Video durch einen langen Fingerdruck darauf mitteilen, dass man «nicht interessiert» sei, worauf man keine solchen Videos mehr zu Gesicht bekommt. Das sieht auch einer der Kommentarschreiber unter Joe Rogans Beitrag so: «Ich würde sagen, die Nutzer machen sich selber zu Idioten, da die Algorithmen ihnen nur zeigen, was sie am meisten sehen wollen. Die Idioten haben es sozusagen selber in der Hand, das zu ändern», schreibt John Dough.

Viel Propaganda und E-Commerce auf Douyin

Douyin funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Dennoch gibt es Unterschiede. Alle chinesischen Plattformen stehen unter strenger staatlicher Kontrolle. Das bedeutet, dass Themen oder Personen, die den Machthabern nicht genehm sind, auf Douyin nicht stattfinden. Diese Einflussnahme müsste Menschen, die wie Rogan und Carlson die individuelle Freiheit über alles stellen, eigentlich ein Gräuel sein.

Im Gegenzug zeigt Douyin viele Inhalte, die von staatlichen Medien oder Behörden produziert wurden. Diese Nachrichten oder Geschichten sollen «positive Energie» verbreiten, eine Formulierung, die bedeutet, dass der Inhalt auf Linie der Regierung ist. So gibt es viele Beiträge, die China und seine Armee hochleben lassen und feindliche Länder und deren Menschen verteufeln.

Bildungsvideos und erbauliche Themen, von Douyin «pan knowledge» genannt, machen etwa 20 Prozent des Inhalts auf Douyin aus. Es kann aber keine Rede davon sein, dass, wie von Rogan und Carlson angedeutet, die Nutzerinnen und Nutzer in erster Linie solche Videos konsumieren. Beliebt sind neben Englischlektionen vor allem Videos rund ums Essen, Videos mit süßen Tieren, lustige Clips von Influencerinnen und Influencern sowie geschäftsorientierte Videos.

Plötzlich sind die «anständigen und bestätigenden» Videos weg

Ein Selbstversuch zeigt: Gleich wie Tiktok richtet sich auch Douyin in kürzester Zeit fast vollständig nach den Interessen der Nutzerin und des Nutzers. Wischt man genügend Propagandavideos und die «anständigen und bestätigenden» Videos weg, füllt sich der Feed schnell fast ausschließlich mit Clips von attraktiven jungen Frauen, die tanzen, Sport treiben, Motorrad fahren oder einfach nur posieren. Spätestens jetzt ist nicht mehr viel zu sehen von dem von Rogan und Carlson hochgelobten «besseren» Tiktok aus China. Denn auch hier gilt: Nutzerinnen und Nutzer bekommen das zu sehen, was sie wollen. Wer sich selber ein Bild des chinesischen Tiktok-Pendants machen möchte, kann das auf www.douyin.com tun.

Was siehst du dir auf Tiktok am liebsten an?

Deine Meinung

0 Kommentare