Luxemburg – «Jede Woche kommen Kinder, die sterben wollen»
Publiziert

Luxemburg«Jede Woche kommen Kinder, die sterben wollen»

LUXEMBURG - Psychische Probleme bei Kindern werden in der Gesellschaft lange nicht so akzeptiert wie bei Erwachsenen. In Luxemburg gibt es in dieser Hinsicht viel zu tun.

Blicken gemeinsam in die Zukunft: v.l. Dr. Raymonde Schmitz, Dr. Claudio Pignoloni, Dr. Salima Aarab und Dr. Thomas Karst.

Blicken gemeinsam in die Zukunft: v.l. Dr. Raymonde Schmitz, Dr. Claudio Pignoloni, Dr. Salima Aarab und Dr. Thomas Karst.

L'essentiel

Am Sonntag kommt der Nikolaus nach Luxemburg. Und während die meisten Kinder und Jugendlichen im Land auf eine prall gefüllte Tüte mit Geschenken hoffen, haben auch die Kinderpsychiater im Großherzogtum eine Wunschliste. Doch diese betrifft ihre Patienten. Denn auch in Luxemburg gibt es immer mehr junge Menschen, deren psychische Probleme die fröhliche Weihnachtsstimmung in den Hintergrund drängen.

Dabei ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Luxemburg noch eine junge Disziplin. Erst 1989 gab es die erste Kinderpsychiaterin im Großherzogtum. 2015 sind es bereits 18 praktizierende Ärzte. Trotzdem gebe es bei der Versorgung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen reichlich Nachholbedarf im Land, wie eine Expertenrunde am Freitagmorgen im Hôpital Kirchberg gemeinsam ausführte.

Nicht nur «schwierig oder nervig»

Die Einsicht, dass ihr Kind vielleicht nicht einfach nur «schwierig oder nervig», sondern krank ist, sei die erste Hürde, die es für eine Familie zu bewältigen gäbe. Die Gefahr reicht sogar bis ans Äußerste: «Jede Woche kommen Eltern mit ihren Kindern, die sterben wollen», verrät Dr. Claudio Pignoloni. Bei der Diagnostik fehle es im Alltag eines Jugendlichen aber an fachlich ausgebildeter Sichtweise. Besonders in Schulen sollten nach Meinung der Experten vermehrt Experten eingebunden werden, um sich mit auffälligen Schülern befassen zu können.

Die Defizite nehmen aber bereits bei der Geburt ihren Lauf. Frisch gebackene Eltern sollten einen ausgebildeten Ansprechpartner bekommen, der ihnen im Falle von Sorgen und Ängsten zur Seite stünde, erklärt Dr. Pignoloni, Facharzt für Kinderpsychiatrie. «Oft sind Eltern von ihren verhaltensauffälligen Kinder überfordert, suchen die Fehler bei sich selbst», ergänzt Dr. Salima Aarab, Fachärztin für Jugendpsychiatrie. «Und sie denken, sie könnten die Probleme mit erzieherischen Maßnahmen alleine in den Griff kriegen. Das reicht aber meist nicht.»

Betreuung von Flüchtlingskindern

In der Kinderpsychatrie fehle es aber nicht nur an Personal, sondern auch an Strukturen. Nötig sei der Ausbau von spezialisierten Einrichtungen und der Zusammenarbeit von ambulanter oder stationärer Behandlung mit dem alltäglichen Umfeld der jungen Patienten. Dabei dürfe man sich nicht nur auf die Psychiater verlassen, sondern müsse auch Eltern, Lehrer, Betreuer und verschiedene Therapeuten bei der Behandlung mit ins Boot holen. «Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe», sagt Dr. Aarab.

Dabei kommt hinzu, dass sich nicht nur die Fälle psychisch kranker Kinder und Jugendlicher im Land vermehren, sondern durch den Flüchtlingsstrom etliche verstörte oder anfällige Heranwachsende hinzukommen. Dabei habe das zuständige Ministerium zwar bereits zwei Stellen geschaffen, doch einen staatlichen Plan gebe es nicht, wie Dr. Aaran verrät. Die Hilfe beschränke sich auf private Initiativen von Ärzte und Vereinen. Auch auf dieser Baustelle habe Luxemburg viel zu tun. Es ist eine lange Liste, die der Nikolaus da im Briefkasten hat.

(Jan Morawski/L'essentiel)

Psychische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen in Luxemburg sind breit gefächert. Die Symptome reichen dabei von starken Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu sozialem Rückzug; von Depression bis Aggression. Konkret sind sogar schon im jungen Kindesalter Suizidgedanken vorhanden. Auch Drohungen und Mobbing in sozialen Medien, Drogenmissbrauch oder Kleinkriminalität sind Themen, mit denen sich die Kinderpsychiater in Luxemburg beschäftigen müssen.

Deine Meinung