Folterzentren in der Ukraine: «Jeder sollte hören, wie andere schreien, wenn sie einen Stromschlag bekamen»

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Folterzentren in der Ukraine«Jeder sollte hören, wie andere schreien, wenn sie einen Stromschlag bekamen»

Der ukrainische Polizeichef berichtete von mindestens «zehn Folterräumen», die in der Region Charkiw entdeckt worden seien. Mehrere Überlebende schildern von ihren schlimmsten Tagen in russischer Gefangenschaft.

von
Karin Leuthold
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Ein Vaterunser in die Wand einer Folterkammer geritzt: In der Polizeistation der Stadt Balaklija sollen russische Truppen Menschen gefoltert haben.

Ein Vaterunser in die Wand einer Folterkammer geritzt: In der Polizeistation der Stadt Balaklija sollen russische Truppen Menschen gefoltert haben.

Twitter/Defense of Ukraine
Nach der Rückeroberung von Gebieten in der Ostukraine stoßen die ukrainischen Behörden dort nach eigenen Angaben auf Hinweise für mutmaßliche Verbrechen der russischen Besatzungsmacht.

Nach der Rückeroberung von Gebieten in der Ostukraine stoßen die ukrainischen Behörden dort nach eigenen Angaben auf Hinweise für mutmaßliche Verbrechen der russischen Besatzungsmacht.

AFP
Der ukrainische Polizist Serhij Bolwinow aus der Stadt Balaklija berichtet, dass die Invasoren im örtlichen Polizeirevier ein Foltergefängnis unterhalten hätten.

Der ukrainische Polizist Serhij Bolwinow aus der Stadt Balaklija berichtet, dass die Invasoren im örtlichen Polizeirevier ein Foltergefängnis unterhalten hätten.

AFP

In der Region Charkiw im Osten der Ukraine sind nach Angaben der Behörden bisher zehn Folterzentren entdeckt worden. Sechs davon befanden sich in der von ukrainischen Truppen zurückeroberten Stadt Isjum. Dort sollen laut Polizeichef Igor Klymenko unter anderem Mitarbeiter des FSB und Beamte der russischen Polizei während der sechs Monate langen Besetzung Menschen gefoltert und getötet haben.

Weitere zwei Folterräume seien in der Stadt Balaklija in der Region Charkiw gefunden worden, sagte Klymenko zur Nachrichtenagentur Interfax. Die Folterkammern funktionierten in der Polizeistation der Stadt, die den russischen Streitkräften als Hauptquartier diente.

Jeder sollte hören, wie gefoltert wurde

Einer, der Misshandlungen in Balaklija überlebt hat, ist Artem. Der Mann sei festgenommen worden, nachdem russische Soldaten ein Bild seines Bruders in Militäruniform bei ihm gefunden hätten. Mehr als 40 Tage lang sei er von den feindlichen Truppen festgehalten und mit Elektroschocks gefoltert worden, sagt er zu «BBC». 

Artem habe Schmerzensschreie aus anderen Zellen hören können. Dies sei allerdings die Absicht der Folterer gewesen: «Wenn jemand in einem anderen Raum gefoltert wurde, stellten die Besetzer die laute Belüftungsanlage des Gebäudes ab», so Artem. «Damit jeder hören konnte, wie die Menschen schreien, wenn sie einen Stromschlag bekommen», erzählt der Ukrainer. 

Mit einigen der Gefangenen hätten sie das «jeden zweiten Tag gemacht». Er selbst sei nur einmal mit Strom gefoltert worden: «Sie zwangen mich, zwei Drähte zu halten, die an einen Stromgenerator angeschlossen waren. Je schneller der lief, desto höher war die Spannung. Sie sagten: ‹Wenn du es loslässt, bist du erledigt›», sagt Artem. «Dann begannen sie, Fragen zu stellen. Sie sagten, ich würde lügen, und sie fingen an, den Generator noch schneller laufen zu lassen. Die Spannung stieg.»

Auch Frauen wurden gefoltert

Ein anderer Mann aus Balaklija wurde 25 Tage lang festgehalten, weil er die ukrainische Flagge bei sich hatte, sagt Artem weiter zur «BBC». Selbst Frauen seien festgenommen und in den Räumen gefoltert worden. Schuldirektorin Tatiana erzählte dem britischen Sender, dass sie drei Tage lang in der Polizeistation festgehalten wurde. Auch sie konnte Schreie aus anderen Räumen hören.

In einem der dunklen Räume des Folterzentrums entdeckt der BBC-Journalist ein Vaterunser, das in die Wand geritzt wurde. Dazu sind einige Markierungen zu erkennen, die auf die Dauer des Aufenthalts hindeuten. Im Keller seien während der mehrere Monate dauernden Besatzung immer etwa 40 Menschen eingesperrt gewesen. Ukrainischen Polizeibeamten zufolge wurden bis zu acht Menschen in Zellen festgehalten, die eigentlich für zwei Personen vorgesehen waren. 

Die Bewohner und Bewohnerinnen von Balaklija sollen solche Angst gehabt haben, dass sie es nicht einmal wagten, vor dem Revier vorbeizugehen, da sie jederzeit von russischen Soldaten aufgegriffen werden könnten.

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