Bewerbungen angestiegen – Kanadische Hochschulen boomen – wegen Trump

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Bewerbungen angestiegenKanadische Hochschulen boomen — wegen Trump

Die Aussicht auf mindestens vier Jahre Trump-Regierung lässt für viele Studienanfänger in den USA einen Umzug nach Kanada attraktiv erscheinen.

Nach der Wahl von Donald Trump zum künftigen Präsidenten orientieren sich in den USA manche angehenden Studenten um: nach Kanada. Hochschulen von Québec im Osten bis British Columbia im Westen melden seit Trumps Sieg am 8. November einen Anstieg der Bewerberzahlen und der Zugriffe auf ihre Websites aus den USA.

Zwar hatten viele kanadische Universitäten zuletzt im Nachbarland verstärkt um Studierende geworben, doch manche sagen, Bestürzung über den Wahlausgang habe ein Maß an Interesse geweckt, das ihre Erwartungen übersteige.

Kein Land, in dem sie leben möchten

Lara Godoff, eine 17-Jährige aus dem kalifornischen Napa, gab nach eigenen Worten am Tag nach der Wahl jeden Gedanken daran auf, in den USA zu bleiben. Unter anderem deshalb, weil sie befürchte, dass Trumps Regierung die strafrechtliche Verfolgung von sexuellen Übergriffen lockern könnte und Universitätsgelände dann für Frauen weniger sicher seien.

Godoff hatte sich bereits an einem College in Kanada beworben, fügte aber nach der Wahl zur Sicherheit noch drei weitere Hochschulen im Nachbarland hinzu. «Wenn wir in einem Land leben, in dem so viele Leute Donald Trump gewählt haben, dann ist das kein Land, in dem ich leben möchte», sagt sie.

Bis zu 70 Prozent mehr Bewerbungen

Bewerbungen von US-Studenten bei der Uni Toronto sind im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitpunkt sprunghaft um 70 Prozent angestiegen. Mehrere andere kanadische Hochschulen melden Steigerungen von 20 Prozent oder mehr. US-Bewerbungen bei der McMaster University in Hamilton in der Provinz Ontario haben um 34 Prozent zugelegt.

«Wir können das Wahlergebnis nicht ignorieren, aber ich glaube, es gibt auch andere Stärken, die Studenten an die Universität ziehen», sagt Jennifer Peterman, an der McGill-Universität in Montréal zuständig für die weltweite Anwerbung von Studienanfängern. Studierende fänden auch die Vielfalt der Universität und die erschwinglichen Lebenshaltungskosten in Kanada attraktiv, erklärt Peterman.

«Es wird unrund laufen»

In den USA machen Vertreter mancher Hochschulen Trumps Wahl für Veränderungen bei den Einschreibungen verantwortlich. Einige sagen, ausländische Studierende mieden die USA aus Furcht um ihre Sicherheit oder vor Abschiebung und gingen stattdessen nach Kanada oder Australien. Und kanadische Hochschulen verzeichnen wachsendes Interesse aus China, Indien und Pakistan.

«Ich glaube, jeder im Bereich internationales Bildungswesen fühlt sich ein wenig unbehaglich, zum Teil, weil einige der Äußerungen im Wahlkampf Menschen in Übersee Angst gemacht haben», sagt Stephen Dunnett, Vizeleiter für internationales Bildungswesen an der Universität von Buffalo im US-Staat New York. «Es wird jetzt vielleicht für einige Jahre ein wenig unrund laufen.»

Vor Trump fliehen

Zwar ist es noch zu früh zu sagen, wie viele Studierende aus den USA sich tatsächlich im kommenden Herbst in Kanada einschreiben werden, aber angesichts des starken Interesses erwarten einige Hochschulen bereits eine höhere Zahl von Amerikanern auf ihrem Campus. Dabei ist Kanada traditionell bei Studierenden aus dem Nachbarland gar nicht besonders populär. 2014 studierten nach offiziellen kanadischen Zahlen etwa 9000 US-Bürger dort, gleichzeitig aber auch 57.000 Chinesen.

Doch da auch die kanadische Gesellschaft altert, bemüht sich das Land verstärkt um Studierende von jenseits seiner Grenzen. 2014 stellte die Regierung in Ottawa Pläne vor, die Zahl der ausländischen Studenten bis 2022 zu verdoppeln. Viele der 125 Universitäten des Landes reagierten darauf, indem sie verstärkt in den USA für sich werben. Unter anderem versprechen sie potenziellen Studenten eine internationale Erfahrung ganz in der Nähe ihrer Heimat.

Die Universität von Toronto veranstaltete im Dezember in Washington eine Podiumsdiskussion zur US-Wahl und bat dort lebende ehemalige Studenten, potenzielle Interessenten mitzubringen — in der Hoffnung, dass sich manche dann auch bewerben würden.

Unter den Teilnehmern der Veranstaltung war die 17-jährige Rebekah Robinson aus Baltimore, die sich bereits an der Hochschule in Toronto umgesehen hatte und sich dort einschreiben möchte. Sie scherzte mit ihren Eltern, dass sie vor Trump nach Kanada fliehen würde. Aber eigentlich sei das nur ein Bonus, sagt sie. «Mir hat die Schule wirklich gefallen», sagt Robinson. «Ich mochte die angebotenen Kurse und dachte, dass alles perfekt zu mir passt. Der Präsident und die Wahl haben nur als kleiner Faktor dazu beigetragen.»

(L'essentiel)

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