Zwischen Genie und Wahnsinn – Karim Benzema – der Knipser aus der Banlieue

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Zwischen Genie und WahnsinnKarim Benzema – der Knipser aus der Banlieue

Er ist einer der konstantesten Stürmer der letzten zehn Jahre in den europäischen Top-Ligen. Doch warum bekommt der Franzose nicht die Anerkennung, die ihm zusteht?

Mit seinem Treffer zum 1:1-Ausgleich letzte Woche im Hinspiel des Champions-League-Halbfinale gegen Chelsea ist der Franzose mit einer Real-Madrid-Legende gleichgezogen. Karim Benzema steht nun bei 71 Toren in der Königsklasse und ist in der All-Time-Scorerliste auf dem vierten Platz, gleichauf wie Real-Legende Raul Gonzalez. Nur Robert Lewandowski, Lionel Messi und Cristiano Ronaldo haben noch mehr Tore geschossen in der Champions League.

Doch nicht nur in der Champions League ist der 33-jährige Franzose eine absolute Lebensversicherung für die Madrilenen. Auch in der heimischen La Liga geht der Knipser seit mehr als elf Jahren auf Torjagd. Doch begonnen hat für Benzema alles in seiner Heimatstadt Lyon.

Von Toren und Skandalen

Benzema ist als sechstes von insgesamt neun Kindern in Bron aufgewachsen, einem Vorstadtviertel von Lyon. Der Bezirk ist für seine hohe Kriminalitätsrate bekannt, dieses Umfeld prägte den Franzosen mit algerischen Wurzeln maßgeblich, dazu aber später mehr. 1996, im Alter von acht Jahren, wechselte Benzema vom SC Bron-Terraillon zu Olympique Lyon, wo seine Karriere so richtig Fahrt aufnahm. 2004 wurde er während der laufenden Saison aus der Jugendabteilung ins Profikader befördert und gab 2005 sein Ligadebüt gegen den FC Metz im zarten Alter von 17 Jahren.

Drei Jahre später wurde er bereits Torschützenkönig in der französischen Liga mit 20 Toren in 30 Spielen. Im selben Jahr wurde er von den Spielern der Ligue 1 zum «Fußballer des Jahres» in der heimischen Liga gewählt. Nach den guten Leistungen war es kein Wunder, dass Vereine wie Barcelona und Real Madrid ihn verpflichten wollten. Die Katalanen sahen aber von einer Verpflichtung ab, weil sie Angst hatten, der Stürmer könnte für Skandale sorgen. Sie informierten sich im Umfeld des Franzosen und kamen immer wieder zu hören, dass er charakterlich für Eskapaden geeignet sei. Und sie behielten recht. Bei Benzema ist der Grat zwischen Wahnsinn und Genie sehr schmal. Immer wieder sorgte er für Schlagzeilen neben dem Platz. Im Jahr 2008 stand er zusammen mit Franck Ribéry weltweit im Mittelpunkt eines Sex-Skandals. Den beiden Fußballprofis wurde vorgeworfen, sie sollen Sex mit einer minderjährigen Prostituierten gehabt haben. Benzema hatte stets bestritten, Sex mit der damals 17-jährigen Prostituierten Zahia Dehar gehabt zu haben. Er wurde von einem Pariser Gericht freigesprochen.

Schwieriges Verhältnis mit der Nationalmannschaft

Weiter soll er 2015 seinen ehemaligen Teamkollegen in der Französischen Nationalmannschaft, Mathieu Valbuena, mit einem Sextape erpresst haben. Im Oktober 2021 startet der Prozess, dem Franzosen könnte eine lange Haftstrafe drohen. Durch diesen Vorfall wurde er vom Französischen Fußballverband aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen. Bis heute bestritt er nie wieder ein Spiel für die Équipe Tricolore; und wird es wahrscheinlich auch nie wieder tun. Denn der Trainer der Französischen Nationalmannschaft, Didier Deschamps, sagte in einem Interview: «Das Abenteuer Frankreich ist für ihn beendet.» Doch bereits vor dem Erpressungs-Skandal war das Verhältnis zur Nationalmannschaft angespannt. 2013 forderte die rechte Partie «Front National» den Rauswurf Benzemas aus der Équipe Tricolore, mit der Begründung, dass der Sohn algerischer Einwanderer die Nationalhymne nicht mitsingt. «Treffe ich, bin ich Franzose. Treffe ich nicht, bin ich Araber», sagte Benzema daraufhin und eröffnete damit eine Rassismus-Debatte.

Trotzdem fordern viele Fans eine Rückkehr des Stürmers in die Französische Nationalmannschaft. Und Benzema bekommt dabei auch prominente Unterstützung. So macht sich etwa Trainer-Legende Arsène Wenger für eine EM-Nominierung des Franzosen stark. «Er verdient es sich zu 100 Prozent, bei der Europameisterschaft dabei zu sein. In jeder anderen Nationalmannschaft der Welt würde er spielen. Die nicht Nominierung habe nichts mit seinen sportlichen Qualitäten zu tun, sagt Wenger weiter.

Lebensversicherung für Madrids Offensive

Obwohl Barcelona 2009 von einer Verpflichtung des Stürmers absah, wechselte Benzema in die spanische Liga zu Real Madrid, dem Erzfeind der Katalanen. Im gleichen Jahr verpflichteten die Madrilenen aber auch einen gewissen Cristiano Ronaldo von Manchester United. Somit stand der Franzose viele Jahre im Schatten des Portugiesen. Während der Saison 15/16 schoss er 24 Tore und bereitete sieben vor. Doch niemand sprach wirklich darüber, weil eben Ronaldo 35 Tore schoss und elf auflegte.

Doch seit der Portugiese 2019 zu Juventus Turin wechselte, ist Benzema die Lebensversicherung in der Offensive der Königlichen. In den letzten drei aufeinanderfolgenden Saisons schoss der Franzose immer mehr als 20 Tore. Er kombiniert seine filigrane Technik mit einer unglaublichen Wucht im Abschluss, ist beidfüßig, trifft aber auch oft mit dem Kopf. Auch sein Spiel ohne Ball wird von Fußball-Experten und Fans immer wieder gelobt. Oft zieht er Verteidiger auf sich, führt sie in die Irre, läuft weg von Ball und Mitspieler.

Noch keine Rote Karte

Um seine Wichtigkeit für Real Madrid nochmals zu unterstreichen, lohnt es sich, ihn mit seinen Mitspielern zu vergleichen. In dieser Saison traf er in allen Wettbewerben insgesamt 28-mal. Vinicius Junior, Marco Asensio und Casemiro haben jeweils sechs Tore erzielt, Luka Modric vier – macht zusammen 22 Treffer. Insgesamt hat der Franzose seit seinem Wechsel 2009 zu Real Madrid in 554 Spielen 277 Tore erzielt und 143 aufgelegt. Benzema ist auch ein extrem fairer Spieler. In elf Jahren bei den Königlichen hat er noch nie eine rote Karte gesehen.

Benzema ist somit einer der komplettesten Stürmer, die zur Zeit noch aktiv sind im Profifußball. Auch in der Champions League trifft er oft. In der laufenden Kampagne schoss er in neun Spielen sechs Tore. Vor allem der Treffer zum 1:1-Ausgleich gegen Chelsea im Halbfinale-Hinspiel könnte ein ganz wichtiger sein. Die Madrilenen haben somit am Mittwochabend noch eine reelle Chance, sich für das Finale der Champions League zu qualifizieren. Und Karim Benzema hätte dann die Chance, den Henkelpott zum fünften Mal in die Höhe zu strecken.

(L'essentiel/Florian Osterwalder)

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