Kirchenaustritte – Katholiken aus Gewohnheit?
Publiziert

KirchenaustritteKatholiken aus Gewohnheit?

LUXEMBURG – Die Zahl der Kirchenaustritte in Luxemburg bleibt trotz alle Skandale klein. Es scheint so, als ob das Thema eher auf Gleichgültigkeit trifft.

Taufe, Hochzeit, Begräbnis: Die religiöse Praxis der meisten luxemburgischen Katholiken beschränkt sich auf eingefleischte Traditionen.

Taufe, Hochzeit, Begräbnis: Die religiöse Praxis der meisten luxemburgischen Katholiken beschränkt sich auf eingefleischte Traditionen.

DPA

Seit 2009 läuft die Kirchenaustritts-Kampagne der «Allianz der Atheisten, Humanisten und Agnostiker» (AHA), die vor allem den Katholiken, die zumindest offiziell über 60 Prozent der Luxemburger Bevölkerung ausmachen, den Austritt aus der Kirche zu erleichtern. Laut AHA-Mitglied Jérôme Faber, der für die Website fraiheet.lu zuständig ist, sind bisher über 4‘000 Austrittsformulare eingegangen und an das Bistum weitergeleitet worden.

Auch wenn «täglich neue Austrittsgesuche ankommen», kann man nicht von einer bedeutenden Austrittswelle reden: «Wir haben immer wieder Spitzen festgestellt, wenn die Medien wieder einmal über Missbrauchsskandale in der Kirche berichtet haben. Ansonsten bleibt die Zahl der Austritte konstant». Einen Darstellung, die Theo Péporté, Pressesprecher des Erzbistums Luxemburg bestätigt: «Die Zahl der Austritte bleibt konstant, hat aber gegenüber 2009 eher abgenommen».

Péporté sieht einen Grund darin, dass es in Luxemburg im Gegensatz zu etwa Deutschland keine Kirchensteuer gibt: «Die Menschen, die ausgetreten sind, haben dies aus Überzeugung getan und nicht, weil ein finanzieller Vorteil damit verbunden ist. Dieser Kreis wird aber mit der Zeit kleiner und vielen anderen ist ein Austritt nicht so wichtig, auch wenn sie sicher nicht alle aus Überzeugung Mitglied der katholischen Kirche bleiben».

Kirchenmitgliedschaft aus Konformismus?

Sind die Luxemburger also eher aus Gewohnheit als aus Überzeugung Katholiken? Ein Blick auf eine Studie des Sozialforschungsinstituts CEPS-Instead, welche die Entwicklung der religiösen Gemeinschaften zwischen 1999 und 2008 unter die Lupe genommen hat, legt diese Vermutung ebenfalls nahe. Demnach blieb der Bevölkerungsanteil, der angibt, der katholischen Kirche anzugehören, im Untersuchten Zeitraum relativ konstant. Berücksichtigt man die Bevölkerungszunahme, so stellt man fest, dass die Zahl der Katholiken um ungefähr 13 Prozent abgenommen hat – ein Anteil, der präzise der Zunahme jener Befragten entspricht, die sich selbst als religionslos bezeichneten.

Eine Abnahme, aber sicher keine massive Kirchenflucht. Eine nähere Betrachtung der religiösen Praxis zeichnet ein genaueres Bild. Während die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger von 21 auf 13 Prozent abnahm, bleibt die Teilnahme an wichtigen Riten wie der Taufe, der kirchlichen Heirat und dem christlichen Begräbnis nicht nur relativ konstant, sondern auf recht hohem Niveau. Eine Schlussfolgerung könnte lauten: Katholiken in Luxemburg sind eher aus Gewohnheit und aus kulturellen Gründen Kirchenmitglied, als aus religiöser Überzeugung.

Austrittsdebatte und Geldsorgen

Eine Frage der Weltanschauung also, die allerdings im Zusammenhang mit der im Zuge von Wirtschaftskrise und staatlichen Sparbemühungen neu entflammten Debatte über eine Trennung von Kirche und Staat eine zunehmende Rolle spielen dürfte. Laut einer TNS-Ilres-Umfrage sind 67 Prozent der Bevölkerung für eine solche Trennung, während 26 Prozent dagegen sind.

Wie sich dieses Stimmungsbild im politischen Kontext niederschlagen wird, bleibt abzuwarten. Die Zahl der Kirchenaustritte sieht auch Jérôme Faber nur als einen Indikator von vielen: «Aufgrund der Austrittsquote Forderungen zu stellen wäre sicherlich nicht richtig, da gehört ein argumentatives Fundament dazu. Es zeigt aber, dass viele Menschen im Stillen schon mit der Kirche abgeschlossen haben und sich zunehmend Gedanken darüber machen, ob sie weiterhin stillschweigend die Praktiken der Kirch unterstützen wollen».

(L'essentiel Online/mth)

Deine Meinung