Skandal in Brasilien – Kliniken experimentierten an Covid-Patienten
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Skandal in BrasilienKliniken experimentierten an Covid-Patienten

So einen Medizinskandal hat Brasilien noch nie gesehen. Die Krankenhäuser eines Krankenversicherers wurden zu wahren Todesinstituten.

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In den Kliniken des Krankenversicherers Prevent Senior wurden dubiose Medikamentencocktails verabreicht. (Symbolbild)

In den Kliniken des Krankenversicherers Prevent Senior wurden dubiose Medikamentencocktails verabreicht. (Symbolbild)

REUTERS
Demonstrierende vor dem Eingang der Hauptgeschäftsstelle von Prevent Senior in São Paulo.

Demonstrierende vor dem Eingang der Hauptgeschäftsstelle von Prevent Senior in São Paulo.

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Der Krankenversicherer habe Blut an den Händen, so der Vorwurf.

Der Krankenversicherer habe Blut an den Händen, so der Vorwurf.

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Prevent Senior ist eine private Krankenversicherung, die sich in Brasilien auf Kunden und Kundinnen ab 49 Jahren spezialisiert hat. Jetzt steht das Unternehmen im Mittelpunkt des größten Medizinskandales im Land. Offenbar haben die Ärzte des Unternehmens, das auch eigene Kliniken betreibt, hunderte Patienten und Patientinnen als Versuchskaninchen missbraucht und sterben lassen, wenn ihre zweifelhaften Methoden nicht anschlugen.

Dabei probierten die Ärzte wider besseren Wissens Medikamente und Therapien mit teils schweren Nebenwirkungen an Menschen aus. Einer der Direktoren von Prevent Senior hatte seine Ärzte sogar ausdrücklich angewiesen: «Bitte nicht den Patienten oder seine Angehörigen über die Tests informieren».

«Meine Familie hat mich vor dem Tod gerettet»

Ziel sei es gewesen, ein Medikament gegen Covid-19 zu finden. «Wir werden Medizingeschichte schreiben», textete ein leitender Arzt. «Die Welt blickt auf uns». Die nationale Ethikkommission hatte allerdings keines der Experimente genehmigt . Dazu gehörte etwa eine sogenannte Ozontherapie, bei der einer Covid-Patientin das Gas Ozon in den Anus geleitet wurde. Die Frau verstarb. Auch mit Stammzellentherapie und Nanotechnologie sollen die Ärzte von Prevent Senior experimentiert haben.

Einer, der die Horrorbehandlung knapp überlebte, ist der Anwalt und Immobilienmakler Tadeu Frederico de Andrade aus São Paulo . «Meine Familie hat mich vor dem Tod gerettet», sagt er dem «Spiegel» in einem Bezahlartikel. Sie habe im letzten Moment verhindert, dass die Ärzte die lebenserhaltenden Maschinen abschalteten.

Dubioser «Covid-Kit»

Als der 65-Jährige an Covid-19 erkrankt war, erhielt er zunächst ein «Covid-Kit». Dieses enthielt Vitaminpillen, Schmerzmittel und Hydroxychloroquin, ein Malariamedikament, das Herzrhythmusstörungen verursachen kann. Auch Ivermectina, ein Mittel gegen Würmer und Läuse, sowie ein Antibiotikum lagen bei.

Keines der Mittel ist gegen Covid wirksam, wie Studien zeigen. Doch viele Kliniken in Brasilien hätten Covid-Patientinnen und -Patienten das Paket auf Druck der Regierung von Corona-Leugner und Impfgegner Jair Bolsonaro verschrieben, so «Der Spiegel». Ärzte, die sich bei Prevent Senior weigerten, das «Covid-Kit» zu verschreiben, wurden entlassen.

Gefälschte Todesstatistiken

Noch im letzten Jahr hatte der Konzern die Effizienz des «Covid-Kits» gerühmt: Man habe weniger Krankenhaus-Einweisungen und würde weniger Beatmungsmaschinen brauchen. Es sollte sich aber zeigen, dass man Statistiken gefälscht und die wahren Todesursachen verschwiegen hatte. In Wirklichkeit waren viel mehr Covid-Patientinnen und -Patienten in den Krankenhäusern des Konzerns verstorben.

Erst vor einigen Wochen musste Prevent Senior einräumen, dass das «Covid-Kit» gegen Covid-19 wirkungslos sei. Auch musste der Konzern zugegeben, dass er keine Genehmigung besaß, Tests mit Chloroquin und Hydroxychloroquin vorzunehmen.

Abgelehnt und doch erhalten

Doch davon hatte Anwalt de Andrade letztes Jahr keine Ahnung. Er schluckte brav die zugeschickten Medikamente. Daraufhin verschlechterte sich sein Zustand innerhalb Tagen, sodass er auf die Intensivstation eines Prevent-Senior-Krankenhauss kam. Seine Lunge arbeitete nur noch zur Hälfte und man hatte eine bakterielle Lungenentzündung «in fortgeschrittenem Stadium» festgestellt.

In dem Krankenhaus verabreichten die Ärzte de Andrade Medikamente, die die Tochter ausdrücklich abgelehnt hatte. Als sich sein Zustand immer noch weiter verschlechterte, meldete sich eine Ärztin bei der Familie. «Sie bedrängte meine Tochter, einer Palliativbehandlung zuzustimmen, das heißt, mich sterben zu lassen», sagt der 56-Jährige.

Der Zeitpunkt, an dem die lebenserhaltenden Maschinen abgeschaltet werden sollten, stand offenbar schon fest, obgleich dafür niemand ein Einverständnis gegeben hatte. Erst als die Familie drohte, Justiz und Medien einzuschalten, hätten die Ärzte eingelenkt.

Eigener Arzt überwachte Behandlung

Die Familie stellte einen eigenen Arzt an, der die weitere Behandlung in der Klinik überwachte. Und tatsächlich: Zehn Tage später ging es de Andrade so viel besser, dass er auf ein normales Krankenzimmer gebracht werden und zwei Monate später das Krankenhaus verlassen konnte. Jedoch wurde er nur zwei Tage später wieder eingeliefert – wegen Herzrhythmusstörungen, womöglich eine Spätfolge der Medikamente, die er erhalten hatte.

De Andrade will nun das Schicksal aller Covid-Patientinnen und -Patienten aufklären, die in den Krankenhäusern von Prevent Senior unter unklaren Umständen starben. Im kommenden Jahr dürfte die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die Verantwortlichen bei Prevent Senior erheben. Dann ist auch Anwalt de Andrades Stunde gekommen: Er und Angehörige weiterer Opfer wollen dann auf Entschädigung klagen.

(L'essentiel/gux)

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