Neues Enthüllungsbuch – «Kokain ist überall»

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Neues Enthüllungsbuch«Kokain ist überall»

Journalist Roberto Saviano liefert in seinem neuen Buch einen erschreckend detaillierten Einblick in den Kokainhandel – vom kolumbianischen Don bis zur europäischen Bank.

Buchautor Roberto Saviano zählt zu den mutigsten Enthüllungsjournalisten der Gegenwart. (Bild: Keystone/Cesare Abbate)

Buchautor Roberto Saviano zählt zu den mutigsten Enthüllungsjournalisten der Gegenwart. (Bild: Keystone/Cesare Abbate)

Seit seinem letzten Bestseller «Gomorrha» lebt der italienische Mafia-Feind Roberto Saviano unter Polizeischutz – seit über 2300 Tagen wird der Buchautor von Carabinieri bewacht. Mit seinem neuen Werk «ZeroZeroZero – Wie Kokain die Welt beherrscht» schaut der mutige Journalist nun in den Abgrund der mexikanischen und kolumbianischen Drogenkartelle.

«Kokain ist die erschöpfende Antwort auf das dringendste Bedürfnis unserer Zeit», so Saviano. Zwar werde die Droge selten aus Po-Ritzen konsumiert wie im Scorsese-Film «The Wolf of Wall Street», doch häufig werde auf Kneipentoiletten oder in Mittagspausen geschnupft, wenn die Konzentration noch bis zum Abend halten soll.

Drogengeschäft rettete Banken

Seiner Recherche zufolge rieselt das weisse Pulver aber nicht nur auf die Finanzwelt – allein in Europa sollen rund 13 Millionen Kokser herumlaufen. Wie lukrativ das Geschäft mit dem «weissen Öl» ist, erklärt der Enthüllungsjournalist mit einfachen Rechenbeispielen: Die Gewinne aus dem Drogenhandel betrügen knapp 352 Milliarden Dollar.

Über 97 Prozent aller Drogeneinkünfte der Kartelle in Kolumbien würden dabei in Banken in Europa und den USA gewaschen. Er untermauert diese Aussage mit einem Zitat von Antonio Maria Costa, dem ehemaligen Leiters des UNO-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung: Gemäß diesem stellte das Geld der Drogenbarone für manche Geldinstitute während der Banken-Krise 2009 das notwendige Kapital dar, um nicht pleitezugehen.

U-Boote voller Kokain

Der gebürtige Neapolitaner ist für seine Untersuchungen tief in die Drogenszene eingetaucht. Er begleitete sowohl Dealer als auch Ermittler der US-Drogenpolizei DEA, des FBI und der Interpol, der spanischen Guardia Civil, der Gendarmerie Nationale, des deutschen BKA und der britischen Scotland Yard.

Saviano zeigt die Wege auf, die das Kokain aus Mexiko und Kolumbien nach Europa nimmt. Er beschreibt, wie die Ware in U-Booten, in Flugzeugen, in den Mägen von Menschen und Hunden, auf Bananen- und Holzbriketts-Paletten und flüssig in Flaschen geschmuggelt wird. Die Droge komme oft über den Atlantik nach Hamburg.

Deshalb widmet der Journalist ein Kapitel dem «Eldorado Deutschland»: Dort würden pro Jahr derzeit etwa 20 Tonnen Kokain konsumiert. Die Droge werde von türkischen und italienischen Banden importiert und verkauft. Die Kriminellen könnten in Deutschland fast ungestört handeln, weil die Gesetze zum Persönlichkeitsrecht sogar diejenigen schütze, die rechtlich wegen Drogenhandels verurteilt worden seien.

Damit hat Saviano nicht Unrecht: In der deutschen Ausgabe von «Zero Zero Zero» sind genau alle Namen geändert worden, die mit Deutschland in Verbindung stehen.

Mafiöse Gruselgeschichten

Natürlich geizt er auch nicht mit mafiösen Gruselgeschichten: Mal wird einer nur aufgehängt oder in Ätznatron aufgelöst, mal muss ein gegen Drogen kämpfender Geistlicher die Vergewaltigung seiner minderjährigen Nichte miterleben und seine abgetrennten Finger, Zehen und Genitalien schlucken.

Saviano schildert unter anderem den Werdegang von Drogenpatin Griselda, die sich erst als Prostituierte über Wasser hielt, sich dann im Drogenmilieu hochheiratete und später in Nacktbars aus Spass Tänzerinnen erschoss. Griselda ist in Savianos Buch nur ein Beispiel für eine Drogengrösse, die skrupellos mordet, foltert oder Angst verbreitet - nicht zuletzt mit ihrem Schäferhund «Hitler».

Erschöpft vom Lesen

Savianos Detailtreue hat für den Leser aber auch etwas Erschöpfendes: Oft berichtet er so intensiv von kolumbianischen und mexikanischen Akteuren, dass man zwischen all den spanisch klingenden Namen kaum noch zu unterscheiden vermag. Von den Kriminellen bleiben in der Namensflut meist nur die Spitznamen wie El Padrino, El Magico, El Chito und El Chapo hängen.

Ein paar Splitter bleiben dann aber doch im Gedächtnis: Kolumbiens Topmodel Natalia Paris, das sich in einen Drogenhändler verliebt. Der Mafiaboss Semjon Mogilewitsch, genannt «The Brainy Don», dessen Macht «so gross ist, dass er mit einem einzigen Anruf die Weltwirtschaft beeinflussen kann», wie ein leitender FBI-Ermittler sagt. Drogenhunde, die für ihre feinen Nasen mit dem Leben bezahlen müssen.

(L´essentiel/ kle/sda)

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