Dresden – Krematorium kann Corona-Tote nicht bewältigen

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DresdenKrematorium kann Corona-Tote nicht bewältigen

In Dresden kommt das städtische Krematorium an seine Belastungsgrenze: In den Aufbewahrungshallen stapeln sich die Leichen, während die Öfen aufgrund der Dauerbelastung ausfallen.

Im Krematorium Tolkewitz in der deutschen Großstadt Dresden stapeln sich die Särge. Die Mitarbeiter kommen nicht mehr nach mit dem Verbrennen der vielen Corona-Leichen, die tagtäglich angeliefert werden. Das berichtet der Spiegel. «Solche Zustände hatten wir noch nie», sagt André Ritter, der Chef des Krematoriums.

An manchen Tagen kommen bis zu hundert Särge im Krematorium an. Vier Aufbewahrungshallen hat das Krematorium. Sie bieten Platz für 120 Särge. Aktuell stapeln sich fast dreimal so viel darin, 332 Särge. Weitere 160 befinden sich in den Räumlichkeiten der städtischen Bestattung Dresden.

Die Stadt Dresden handelt, hat kürzlich eine Halle des Straßen- und Tiefbauamts dazu gemietet, um die Särge zwischenlagern zu können. Bis Mitte Februar geht das gut, dann wird es zu warm, sagt das Gesundheitsamt. Was danach geschieht, weiß niemand.

Die Öfen brennen rund um die Uhr

Eine Stunde geht es, bis in der 800-1000 Grad heißen Hauptbrennkammer Sarg und Leichnam zu Asche kremiert sind. «Die Öfen werden zu heiß, eigentlich brauchen sie Ruhepausen», sagt Ritter. Im Moment aber brennen sie rund um die Uhr. Für gewöhnlich ruhen die Öfen zwischen 21.45 und 5.00 Uhr. Jetzt brennen sie 24 Stunden am Tag. An Sonntagen, an Heiligabend, an Weihnachten, an Silvester – nichts ist mehr heilig.

Das Resultat des Dauerbetriebs: Im Dezember fiel einer der vier Öfen aus, es entstand ein Schaden von 60.000 Euro. Momentan muss also die enorme Last an Särgen mit nur drei Öfen bewältigt werden. Dabei sagt Ritter: «Auch sechs Öfen würden nicht reichen, um die ganzen Toten zu verbrennen.» 90 Särge pro Tag könnten sie maximal verbrennen; momentan kämen aber täglich bis zu 120 neue an.

Das Krematorium Tolkewitz ist dazu übergegangen, Särge an umliegende Verbrennungs-Institute abzugeben. Mittlerweile seien aber alle überlastet, sagt ein Mitarbeiter, weshalb die Särge in ein 470 Kilometer entferntes Krematorium transportiert werden.

« Ich kann das alles nicht an mich heranlassen. Man stumpft ab »

Das Herumschieben und Herumfugen der Särge ist für die Mitarbeiter eine Belastung – physisch wie psychisch. Einem seiner Mitarbeiter hat Ritter freigegeben, sagt Ritter: «Der war am Ende.» Die Arbeit im Krematorium ist im Moment auch ein gesundheitliches Risiko für die Mitarbeiter. Denn die Särge sind hochinfektiös.

«Covid 19», steht mit Kreide auf den Holzsärgen geschrieben, oder: «Warnhinweis Infektiös. Risikogruppe 3, laut Biostoffverordnung». Trotzdem müssen die Mitarbeiter jeden einzelnen Sarg noch einmal öffnen, jedem Corona-Toten noch einmal ins Gesicht schauen, ehe sie ihn verbrennen. So verlangt es die gesetzlich vorgeschriebene Leichenschau.

«Ich kann das alles nicht an mich heranlassen. Man stumpft ab», sagt Krematorium-Chef André Ritter. Im Bundesland Sachsen, wo sich Dresden befindet, sind laut «Spiegel» bereits 5433 Menschen am Coronavirus gestorben. Die Übersterblichkeit beträgt 70 Prozent: Es sterben also 70 Prozent mehr Menschen als in anderen Jahren.

(L'essentiel/Reto Heimann)

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