Mit 3-D-Brille – Künstler will 28 Tage in die virtuelle Realität

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Mit 3-D-BrilleKünstler will 28 Tage in die virtuelle Realität

Mark Farid will nächstes Jahr während 28 Tagen die Welt mit fremden Augen sehen. Ermöglichen sollen ihm dies ein VR-Headset – und eine Crowdfunding-Kampagne.

Der britische Konzeptkünstler Mark Farid will einen Monat seines Lebens gegen die virtuelle Realität eintauschen. Sollte eine entsprechende Kickstarter-Kampagne am 18. Dezember erfolgreich enden, wird er nächstes Jahr 28 Tage lang ohne Unterbruch eine Cyberbrille tragen. Um sich möglichst komplett von seiner Umwelt abzuschotten, wird er zudem geräuschunterdrückende Kopfhörer aufsetzen. Audiovisuellen Input wird Farid von ihm unbekannten Personen erhalten, die ihr tägliches Leben in Bild und Ton festhalten. Das aufgenommene Material wiederum wird ihm auf sein Headset gespielt. Außerdem werden die 3-D-Aufnahmen dem Künstler vorgeben, wann er essen und schlafen soll. Auf diese Weise will er seine eigene Identität, so gut wie mit heutigen technischen Mitteln möglich, aufgeben.

Bei dem Experiment geht es Mark Farid nicht um Flucht vor sich selbst oder darum, das Leben einer berühmten Persönlichkeit nachzuleben. «Es geht darum herauszufinden, ob unsere Identität individuell ist oder wir eine Art kulturelle, gemeinsame Identität übernehmen». Er selber habe sein ganzen Leben in der Stadt verbracht. «Alles, was ich gesehen habe, wurde künstlich errichtet», erklärt Farid. «Jede Erfahrung, die wir machen, ist synthetisch».

Fremd-Vision

Sein Projekt trägt den Namen «Seeing I» und soll nicht nur die Grenzen der Künstlichkeit ausloten, sondern dem Künstler auch die Fähigkeit verleihen, die Welt mit den Augen eines anderen zu sehen. Seine Bildquellen will er von Personen beziehen, die einen Monat lang 180-Grad-Videos und 3-D-Audio ihres Lebens aufnehmen. Anschließend werden die aufgezeichneten Daten jedes einzelnen Tages auf Bild- und andere Fehler untersucht. Außerdem sollen Helfer sechs Tage Zeit bekommen, die in den Aufnahmen vorkommenden Speisen sowie anderes Material vorzubereiten. So soll die Erfahrung für Farid so realistisch wie möglich sein. Nach den sechs Tagen wird das Video dann Farid zugespielt.

Den einzigen richtigen Menschenkontakt während der 28-tägigen Projektphase wird Farid mit dem Kurator und Psychologen Nimrod Vardi haben. Dieser wird ihm eine Stunde pro Tag Gesellschaft leisten und auf allfällige Verhaltensänderungen des Probanden achten.

Die Dauer des Experiments wurde übrigens deshalb auf vier Wochen festgelegt, weil Dokumentationen nahelegen, dass Menschen Gewohnheiten nach drei Wochen ablegen und neue entwickeln. Da es bisher noch keine vergleichbaren Versuche gegeben hat, muss Farid zumindest mit Nebeneffekten rechnen. Und so kann denn auch Simon Baron-Cohen, Psychologe und Direktor des Autismus-Forschungszentrums in Cambridge, nur hoffen, dass allfällig auftretende Nebeneffekte «vorübergehend und reversibel sind», wie er auf Kickstarter.com zitiert wird.

Was halten Sie von Mark Farids Projekt? Ist so etwas gefährlich oder einfach nur spannend? – Diskutieren Sie im Talkback mit!

(L'essentiel/Philipp Stirnemann)

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