Berlinale – KZ-Doku war zu viel für Alfred Hitchcock

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BerlinaleKZ-Doku war zu viel für Alfred Hitchcock

70 Jahre nach seinem Entstehen wurde an der Berlinale ein Film über Konzentrationslager gezeigt. Auch der Psycho-Regisseur hatte daran mitgearbeitet, ertrug die Bilder aber kaum.

Der Regisseur und Filmproduzent Alfred Hitchcock (†80) arbeitete bei der jetzt gezeigten KZ-Dokumentation mit. Die Bilder des Grauens ertrug er so schlecht, dass er tagelang nicht ins Studio kam. (Bild: Keystone/AP)

Der Regisseur und Filmproduzent Alfred Hitchcock (†80) arbeitete bei der jetzt gezeigten KZ-Dokumentation mit. Die Bilder des Grauens ertrug er so schlecht, dass er tagelang nicht ins Studio kam. (Bild: Keystone/AP)

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Mehr als 5000 Leichen liegen unter freiem Himmel, als die Briten in Bergen-Belsen einrücken. Britische Kameraleute halten das Grauen im Konzentrationslager fest. Der daraus entstandene Dokumentarfilm wird, fast 70 Jahre später, an der diesjährigen Berlinale gezeigt.

Als am 15. April 1945 die britischen Truppen das Konzentrationslager Bergen-Belsen befreien, breitet sich vor den Soldaten ein Bild des Grauens aus. Tausende Leichen liegen über das Lager verstreut, verweste Körper, vom Hunger und den Qualen gezeichnet. Dazwischen regen sich die Überlebenden.

Hitchcock blieb wegen Bildern dem Studio fern

Mit den Soldaten rückt eine Gruppe von Kameraleuten vor. Sie gehören einem Team der britischen Armee an, das die NS-Barbarei dokumentieren soll. Der Produzent Sydney Bernstein plant einen Film, der nach dem Krieg den Deutschen das von ihnen verursachte Leid vor Augen führen soll.

Bernstein will außerdem Beweismittel gegen spätere Holocaust-Leugner sichern. Fast 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist der im Imperial War Museum in London rekonstruierte Film auf der Berlinale zu sehen.

Das Interesse verloren

«German Concentration Camps Factual Survey» – der bürokratisch klingende Titel versammelt Aufnahmen aus den Todeslagern, wie sie bisher kaum öffentlich gezeigt wurden. Im Angesicht des Leids gehen die Bilder bis an den Rand des Erträglichen. Alfred Hitchcock (†80), der zu Lebzeiten an dem Film mitarbeitete, soll derart verstört gewesen sein, dass er tagelang nicht mehr im Studio erschien.

Dass der Film erst jetzt gezeigt wird, kommt einer kleinen Sensation gleich. Die sechs Rollen und die Texte für die Off-Stimme waren bald nach Kriegsende im Archiv verschwunden. Die britische Regierung hatte das Interesse an einer Umerziehung ihrer einstigen Feinde verloren.

1984 lief der Film erstmals

Im beginnenden Kalten Krieg sollten die Deutschen mit den von ihnen verursachten Morden nicht weiter konfrontiert werden. Für den Wiederaufbau brauchten die Besatzer die Sympathien der Bevölkerung, eine weitere Demoralisierung erschien ihnen im Wettlauf mit der Sowjetunion als kontraproduktiv.

Erst 1984 wurden Teile des Films auf der damaligen Berlinale und in einer TV-Dokumentation in Auszügen gezeigt. Damals wurde der Film noch als Werk von Alfred Hitchcock ausgegeben. Produzent Sydney Bernstein hatte seinen Freund um Hilfe gebeten.

Die Helden des Films: die Kameramänner

Der damals schon berühmte Regisseur kehrte aus den USA zurück und wollte nun einen persönlichen Beitrag im Kampf gegen die Nazis leisten.

Doch in seiner Dokumentation «Night Will Fall», mit der André Singer die Entstehung des Films nachzeichnet, wird deutlich: Die Rolle Hitchcocks war weitaus geringer als bisher vermutet. Der Regiestar habe Ideen zur Grafik beigesteuert, berichtete Singer bei der Präsentation auf der Berlinale.

Zeichen von Betroffenheit bei den Tätern sieht man nicht

Die wahren Helden des Films seien die Kameramänner, sagte der Historiker Toby Haggith vom Imperial War Museum, der federführend an der Rekonstruktion des Films beteiligt war. Unerschrocken hätten sie sich unter die befreiten Häftlinge gemischt, unbeirrt die Spuren der Barbarei festgehalten.

Wenn etwa die einstigen KZ-Wächter ihre bis zur Unkenntlichkeit entstellten Opfer selber in ein Massengrab tragen müssen, sind bei den Tätern Zeichen von Betroffenheit oder gar Reue nicht zu sehen – für den Zuschauer ein fast unerträglicher Anblick.

(L´essentiel/ sda)

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