«Der feine Unterschied» – Lahms Buch in aller Munde

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«Der feine Unterschied»Lahms Buch in aller Munde

Joachim Löw benennt den Kader für das EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich. Konzentriert soll der letzte Schritt zur Endrunde 2012 gemacht werden. Doch das brisante Buch seines Kapitäns Philipp Lahm beschäftigt nun auch den Bundestrainer.

Rudi Völler über Philipp Lahms Buch: «Ich empfinde das als Frechheit ohnegleichen, was er da beispielsweise über seinen ehemaligen Trainer Jürgen Klinsmann geschrieben hat.»

Rudi Völler über Philipp Lahms Buch: «Ich empfinde das als Frechheit ohnegleichen, was er da beispielsweise über seinen ehemaligen Trainer Jürgen Klinsmann geschrieben hat.»

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Welches Buch derzeit auf dem Nachttisch von Joachim Löw liegt, ist nicht bekannt. Die brisante Biografie von Philipp Lahm («Der feine Unterschied») dürfte für den Bundestrainer aber nicht als beruhigende Gute-Nacht-Lektüre taugen. Spätestens mit der Nominierung für den Länderspiel-Doppelpack gegen Österreich und Polen an diesem Freitag schwappt die Aufregung um Lahms Lästereien über Trainingsmethoden von Rudi Völler bis Jürgen Klinsmann auch zur Fußball-Nationalmannschaft über.

In der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes beschäftigte sich die höchste Hierarchieebene am Donnerstag intensiv mit dem umstrittenen Schriftstück des Nationalmannschaftskapitäns. Für den späten Nachmittag wurde eine Erklärung angekündigt. Nach der Veröffentlichung erster Passagen aus Lahms launiger Fußball-Literatur ebbte die Kritik aus der Bundesliga derweil nicht ab.

«Man kann nur froh sein, dass man nicht Teammitglied von Philipp Lahm ist»

«Es kann nicht sein, dass man über Trainer herzieht», sagte der Sportdirektor des VfB Stuttgart, Fredi Bobic. Bayer Leverkusens Trainer Robin Dutt schlug ähnliche Töne an. «Das ist ein absolutes Tabu-Thema. Man kann nur froh sein, dass man nicht Teammitglied von Philipp Lahm ist, weil man nicht weiß, was in den nächsten fünf Jahren veröffentlicht wird», sagte der Coach von Bayer.

Auch in Bremen reagierte man verwundert auf die ungewöhnlichen Ausführungen Lahms. «Ich bin lange dabei und habe noch kein Buch geschrieben. Mein Drang, mich mitzuteilen, ist sehr gering. Ich habe nur Auszüge gelesen und kann mir daher kein abschließendes Urteil erlauben. Aber es gibt gewisse Regeln, die man einhalten muss. Das gilt vor allem für interne Sachen», sagte Allofs.

Holger Stanislawski, Trainer von 1899 Hoffenheim, zeigte sich «traurig, dass heutzutage mehr über als mit den Menschen gesprochen wird. Es ist für mich unfassbar, wenn so negativ über Kollegen gesprochen wird. Offenbar haben die Leute, die das tun, zu viel Freizeit oder ihr eigenes Leben ist zu uninteressant.»

Lahm hatte am Donnerstag beim FC Bayern München trainingsfrei und hält den richtigen «Zeitpunkt, über mein Buch zu reden», ohnehin nicht für gekommen. In den Handel geht das 265 Seiten dicke Werk am Montag, offiziell vorgestellt wird es erst am 25. September - im Münchner Volkstheater. Der von Lahm gescholtene Magath versuchte es mit einer ironischen Replik. «Soll ich mir graue Haare wachsen lassen, wenn jemand, dem ich zum Bundesligaspieler verholfen habe und der im bezahlten Fußball zuvor noch keine Rolle gespielt hat, eine Meinung vertritt - so fundiert sie auch sein mag...», sagte Magath.

Schumacher und Matthäus waren in Schwierigkeiten geraten

Lahms Sammelsurium an ausgeplauderten Team-Interna aus dem engsten DFB-Zirkel dürfte Löw nicht besonders lustig finden, obwohl ihm im Gegensatz zu den arg kritisierten Trainerkollegen Klinsmann, Völler, Felix Magath und Louis van Gaal durchweg geschmeichelt wird. «Jogi Löw ist ein präziser Denker mit einem guten Gespür für die taktischen Möglichkeiten einer Mannschaft», schreibt Lahm unter anderem über seinen Förderer.

Noch bevor seine Biografie in den Handel kommt, hat sich Philipp Lahm entschuldigt. Der Nationalmannschaftskapitän entgeht mit dem verbalen Bremsmanöver womöglich einer harten Strafe. Vor dem Österreich-Länderspiel steht aber ein Gesprächstermin mit Löw an.

Da Lahm wohl straffrei ausgeht, könnte es für den DFB künftig schwerer vermittelbar sein, Indiskretionen zu bestrafen. 1987 war für Torwart Toni Schumacher nach seinem provokanten Buch «Anpfiff» die Länderspielkarriere beendet. Lothar Matthäus musste zehn Jahre später nach seinem «Geheimen Tagebuch» beim FC Bayern die Kapitänsbinde abgeben.

L'essentiel Online / dpa

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