Aufruhr in Libyen – Libyscher Innenminister gekidnappt?

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Aufruhr in LibyenLibyscher Innenminister gekidnappt?

Der libysche Innenminister ist angeblich zur Opposition übergelaufen. Das Regime dementiert. Luxemburgs Außenminister Asselborn bezeichnete Gaddafi derweil als krank.

Am Dienstag strahlte Al Jazeera ein Amateurvideo aus, in dem der libysche Innenminister Abdel Fattah Junes al-Abidi sich von Staatschef Muammar al-Gaddafi lossagt und sich hinter die «Revolution des 17. Februar» stellt. Zugleich forderte er die Armee auf, sich auf die Seite des Volkes zu stellen und auf dessen legitime Forderungen einzugehen. Später gab al-Abidi per Telefon dem TV-Sender Al Arabiya und begründete seinen Rücktritt weiter.

Nun berichten libysche Staatsmedien, al-Abidi sei in Benghazi von «Gangs» gekidnappt worden. Der Ausdruck «Gangs» wird vom Regime und den staatlichen Medien meist für die demonstrierende Opposition verwendet. Das Staatsfernsehen fügte an, man werde die Entführer in ihren Verstecken stellen. CNN hingegen zitiert Augenzeugen, die al-Abidi am Montag und am Dienstag gemeinsam mit Demonstranten gesehen haben wollen.

UNO-Sicherheitsrat verurteilt Gewalt

Der UNO-Sicherheitsrat hat das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstranten in Libyen verurteilt und ein sofortiges Ende des Blutvergießens gefordert. In einer Erklärung äußerten sich die 15 Ratsmitglieder sehr besorgt über die Lage in dem nordafrikanischen Land.

Sie riefen das Regime von Staatschef Muammar al-Gaddafi am Dienstag in New York einstimmig auf, die Menschenrechte zu respektieren und die Zivilbevölkerung zu schützen. Ferner forderte der UNO-Sicherheitsrat sofortigen Zugang für internationale Beobachter in das Land und äußerte «tiefes Bedauern über den Tod hunderter Zivilisten».

Wenige Stunden zuvor hatte Gaddafi in einer Rede angekündigt, er werde den Kampf gegen die Demonstranten in seinem Land unerbittlich fortführen und notfalls als Märtyrer sterben. Er wolle bis zum «letzten Blutstropfen» kämpfen.

Libyscher Diplomat spricht von Völkermord

Augenzeugen berichteten am Dienstag von einem immer brutaleren Vorgehen bewaffneter Milizen Gaddafis gegen die Protestbewegung in der libyschen Hauptstadt Tripolis. Nach UNO-Angaben gab es mindestens 250 Tote im Land, Beobachter gehen allerdings von einer weit höheren Zahl aus.

Der stellvertretende libysche UNO-Botschafter Ibrahim Dabbaschi sagte, ihm lägen Informationen vor, wonach Gaddafi im Kampf gegen die Demonstranten ausländische Söldner einsetze. In Libyen habe nun ein Völkermord begonnen, sagte Dabbaschi am Dienstag in New York.

Am Dienstagabend war die Lage in Tripolis zunächst offenbar ruhig. Von der Nachrichtenagentur AP kontaktierte Bewohner erklärten, nach Einbruch der Dunkelheit seien keine Demonstranten auf die Straße gegangen. Bewaffnete Sicherheitskräfte seien stationiert worden, und gelegentlich seien Schüsse zu hören.

Ausländer werden evakuiert

Die USA wollen am Mittwoch mit der Evakuierung von US-Bürgern aus Libyen beginnen. Die Amerikaner sollten mit einer Fähre nach Malta gebracht werden, teilte das Außenministerium in Washington mit. Deutschland hatten am Dienstag mit drei Flugzeugen rund 350 Bürger aus Deutschland und anderen europäischen Staaten aus Libyen ausgeflogen.

L'essentiel Online/20min.ch/sda/dpa

Asselborn bezeichnet Gaddafi als krank

Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn hat am Morgen Stellung zur Gewalt in Libyen genommen. «Was in Libyen geschieht, ist Völkermord in höchster Potenz», sagte Asselborn im Deutschlandfunk. Staatschef Muammar al-Gaddafi habe die Menschen gegeneinander aufgehetzt und zum Bürgerkrieg aufgerufen. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Welt zuschauen kann, wie hunderte oder tausende Menschen abgeschlachtet werden.» Er sprach sich für ein UNO-Mandat aus.

Die UN sollten etwa beschließen, dass alle Flüge nach Libyen kontrolliert werden, damit keine weiteren Söldner ins Land kommen können. Auch die arabische Liga sei gefordert. Die Europäische Union könne innerhalb kurzer Zeit ein Einreiseverbot gegen Mitglieder des Gaddafi-Clans verhängen und Bankkonten einfrieren. Asselborn bezeichnete den libyschen Führer als kranken und gefährlichen Mann.

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