Anmache statt Business – Linkedin verkommt zur Dating-Plattform
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Anmache statt BusinessLinkedin verkommt zur Dating-Plattform

Eigentlich gilt Linkedin als Netzwerk für berufliche Zwecke. Doch Klagen von belästigten Nutzerinnen häufen sich. Für Social-Media-Experten ist das keine Überraschung.

In this Wednesday, May 25,  2011 photo, a computer shows a LinkedIn graphic at a social media workshop at the University of Minnesota in Minneapolis, Minn. Career experts encourage new college grads to use online social networks like LinkedIn, Facebook and Twitter as a tools to find job connections.(AP Photo/Minnesota Public Radio, Tim Post)

In this Wednesday, May 25, 2011 photo, a computer shows a LinkedIn graphic at a social media workshop at the University of Minnesota in Minneapolis, Minn. Career experts encourage new college grads to use online social networks like LinkedIn, Facebook and Twitter as a tools to find job connections.(AP Photo/Minnesota Public Radio, Tim Post)

Keystone/tim Post

Charlotte Proudman spricht vielen Frauen aus der Seele. Kürzlich hat sie auf Twitter ein Bild von einer Unterhaltung gepostet, die sie auf Linkedin mit einem fremden Mann geführt hat. Dieser hat sich bei ihr gemeldet und ihr Aussehen gelobt, schreibt die Nachrichtenagentur Pressetext. «Ich schätze, das ist möglicherweise politisch extrem unkorrekt, aber das ist ein atemberaubendes Foto», schrieb der Brite, der in einer Chefposition arbeitet. «Du gewinnst definitiv den Preis für das beste Linkedin-Foto, das ich je gesehen habe.»

Für Proudman ging das zu weit. «Ich bin zu Geschäftszwecken auf Linkedin, nicht um wegen meines Aussehens angemacht oder von einem sexistischen Mann objektiviert zu werden», antwortet die Britin dem Absender. Auf Twitter beklagt sie sich schließlich öffentlich über den Flirtversuch.

Geteilte Meinung

Proudman stößt auf viel Zustimmung. Eine Nutzerin schreibt etwa, dass sie ihr Profilbild mit einem «hässlicheren» Foto ausgetauscht habe, um weniger Nachrichten und Anfragen von «gruseligen» Männern zu bekommen. Eine andere erklärt, dass sie sich durch die belästigenden Nachrichten unwohl fühle. Und das in einem Netzwerk, in dem sie sich sicher geglaubt habe. Eine andere Frau postet eine erhaltene Nachricht. «Ich war von deinem Profil fasziniert, ich bin Witwer, ich finde dich sehr attraktiv», heißt es darin. Und weiter: «Ich gebe zu, dass dein Lächeln sehr anziehend wirkt. Bist du single oder verheiratet?»

Solche Flirts haben auf Linkedin nichts zu suchen, finden viele Twitterer. Doch nicht jeder sieht in den Nachrichten gleich eine sexuelle Belästigung. «Es war ein Kompliment, nichts weiter», heißt es etwa. Oder: «Er versuchte doch nur, das Eis zu brechen und höflich zu sein.»

Großes Ausbau-Potential

Einig wird sich die Twittergemeinde nicht. Linkedin gilt jedoch in erster Linie als professionelle Plattform, über die berufliche Kontakte geknüpft und gepflegt werden. Dass sich jetzt Meldungen über unprofessionelle Nachrichten häufen, überrascht den Social-Media-Experten Daniel Graf nicht. «Linkedin wird immer mehr zur einer sozialen Plattform wie Facebook. Die Probleme, mit denen letztere zu kämpfen hat, kommen deshalb auch immer häufiger auf der professionellen Plattform vor.» Und das werde sich in Zukunft weiter verbreiten.

Laut Graf hat Linkedin ein großes Ausbau-Potential. Bei sechs Millionen Mitgliedern im deutschsprachigen Raum und 380 Millionen Mitgliedern weltweit ist das eine Herkulesaufgabe. Tatsächlich gibt es allerdings bereits jetzt Möglichkeiten, sich vor ungebetenen Anfragen zu schützen, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilt. So ist es zum Beispiel möglich, andere Nutzer zu blockieren. Zudem kann selbst bestimmt werden, was vom eigenen Profil öffentlich sichtbar ist.

Profile werden wenn nötig gelöscht

«Das Internet bietet viele verschiedene Orte, an denen man eine private Verabredung treffen kann – es ist weder alltäglich noch effektiv, dies auf Linkedin zu tun», heißt es weiter. «Wenn jemand auf Linkedin ein derartiges Verhalten an den Tag legt, werden wir die notwendigen Schritte unternehmen, um die Profile dieser Mitglieder zu blockieren oder wenn nötig zu löschen.»

(L'essentiel/vro)

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