Pro & Contra – Lösen Gratis-Busse unsere Verkehrsprobleme?
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Pro & ContraLösen Gratis-Busse unsere Verkehrsprobleme?

LUXEMBURG — In der Diskussion ist es schon länger, DP und LSAP sind dafür: kostenloser Bus- und Bahn im Großherzogtum. Welche Vor- und Nachteile hat es, wo funktioniert es bereits?

Talinn in Estland ist wohl das prominenteste Beispiel für kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Aber es gibt noch andere Städte.

Talinn in Estland ist wohl das prominenteste Beispiel für kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Aber es gibt noch andere Städte.

DPA/Stringer

In Luxemburg fahren zur Zeit alle Jugendlichen unter 20 Jahren kostenlos mit Bus, Bahn und Tram. Zuletzt hatte sich die DP bei ihrem nationalen Parteikongress für die kostenlose Nutzung aller Bürger im luxemburgischen Nahverkehr ausgesprochen. Auch die LSAP begeistert sich neuerdings für den «Nulltarif». Déi Gréng mit Minister François Bausch stehen dem «Gratis-Glück» hingegen skeptisch gegenüber: Erst müssten die Infrastruktur und Kapazitäten entsprechend ausgebaut werden.

Neu ist die Idee nicht, wird sie doch in vielen Städten schon erfolgreich in die Tat umgesetzt. Das prominenteste Beispiel in Europa ist vermutlich die Großstadt Tallinn in Estland, wo die 420.000 Einwohner der Stadt seit 2013 gratis mit Bus und Bahn fahren können. Mittlerweile wurde das Angebot dort sogar auf Regionalzüge ausgedehnt. Im französischen Dünkirchen probiert man das Modell seit Anfang September aus und stößt auf viele begeisterte neue Fahrgäste. Auch in anderen französischen Städten feiert das Modell Erfolge. In der 17.500-Einwohner-Stadt Vitré haben sich die Fahrgastzahlen versiebenfacht, in Aubagne (45.000 Einwohner) fast verdreifacht.

Die Mehrkosten halten sich in Grenzen

Verkehrsexperte Francesco Viti von der Universität Luxemburg ist sich sicher, dass kostenloser Nahverkehr dabei helfen kann, die Fahrgastzahlen anzukurbeln, aber es ist keine «universelle Lösung gegen Stau». Im belgischen Hasselt wurde der kostenlose Nahverkehr beispielsweise nach 17 erfolgreichen Jahren wieder auf Kinder und Senioren eingegrenzt, weil die Fahrgastzahlen regelrecht explodiert waren, aber der Individualverkehr trotzdem nicht zurück gegangen ist. Den klassischen Pendler interessiert die Zeit und weniger die Kosten.

Die Finanzierung ist insbesondere im Kontext kleinerer Großstädte nicht so dramatisch wie gedacht, da der Personennahverkehr fast nie kostendeckend arbeitet und immer quersubventioniert wird, wie zeit.de berichtet. Die Mehrkosten für das Großherzogtum würden daher auch nur rund 30 Millionen Euro betragen.

Dennoch sieht Viti jegliche Versuche positiv, die den öffentlichen Nahverkehr ankurbeln, empfiehlt aber gleichzeitig eine umfassendere Strategie: «Der Nahverkehr sollte Teil eines Ensembles nachhaltiger Verkehrsmittel sein, die alle zusammenwirken, um das Erlebnis wirklich konkurrenzfähig gegenüber dem Pkw zu machen. Um dies zu erreichen, muss es nicht zwangsläufig kostenlos sein, da die Menschen für einen guten Service auch gerne zahlen. Mehr Effizienz und Zuverlässigkeit ist wichtiger als der Preis.»


(L'essentiel)

Wie viel gibt der Staat derzeit für den öffentlichen Transport aus?

Gesamtbudget für die Planung von Mobilität, öffentlichem Verkehr und Schienenverkehr: 891 Millionen Euro

CFL (Bus und Zug): 218,7 Millionen Euro

Öffentliche Busdienste von privaten Unternehmen: 169,4 Millionen Euro

Zusätzlicher spezifischer Transport für Menschen mit besonderen Bedürfnissen und Einschränkungen: 48,1 Millionen Euro

Öffentlicher Busverkehr und nahezu kostenloser Transport für junge Menschen, die von der T.I.C.E. gemäß der mit dem Staat geschlossenen Vereinbarung bereitgestellt werden: 34 Millionen Euro

Öffentliche Busse und nahezu kostenlose Verkehrsmittel für junge Menschen, die von der Stadt Luxemburg bereitgestellt werden: 15,7 Millionen Euro

Tram: 8,1 Millionen Euro

Kostenloser Transport für Schüler der Sekundarstufe: 5,6 Millionen Euro

Late Night Bus: 600.000 Euro

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