Schneiden statt stechen – Luxemburg ist noch zu brav für Narben-Tattoos

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Schneiden statt stechenLuxemburg ist noch zu brav für Narben-Tattoos

LUXEMBURG – Narben als Körperschmuck: Tattoo-Studios in der Schweiz und in Deutschland bieten «Cutting» an – in Luxemburg ist der Trend noch nicht angekommen.

Tattoo artist Ulises Jacome cuts the skin of Andres Ramos to make a scarification tattoo with the shape of a snowflake, at his studio in Quito, on August 29, 2014.   AFP  PHOTO/JUAN CEVALLOS.        (Photo credit should read JUAN CEVALLOS/AFP/Getty Images)

Tattoo artist Ulises Jacome cuts the skin of Andres Ramos to make a scarification tattoo with the shape of a snowflake, at his studio in Quito, on August 29, 2014. AFP PHOTO/JUAN CEVALLOS. (Photo credit should read JUAN CEVALLOS/AFP/Getty Images)

Juan Cevallos

Beim sogenannten Body Cutting werden mit dem Skalpell Muster in die beiden obersten Hautschichten geritzt – etwa geometrische Figuren, Geburtsdaten und Namen. «Die erste Hautschicht wird abgetragen, mit einem Dreiecksschnitt», erklärt Rafael vom Tattoo-Studio «One more Tattoo & Piercing» in der Stadt Luxemburg. Dann heilt die Wunde normalerweise zu einer linienförmigen Narbe. «Das Problem bei Cutting ist aber, dass der Körper diese Wunde heilt, wie er will», sagt Rafael. Deshalb könne die Narbe eine schöne weiße Linie werden – oder eine Wurst. Beim Tätowieren wisse man dagegen genau, dass man eine gerade Linie ziehe. Deshalb ließen sich mit den «Einritzen» auch nur einfache geometrische Formen realisieren.

Nach dem Eingriff reizt man die Wunde einige Tage mit einer Zahnbürste und Zitronensäure. Ziel ist eine Wunde, die Narben hinterlässt. Der Trend ist noch nicht im Großherzogtum angekommen. «Luxemburg ist zu brav dafür», scherzt Rafael. Er verweist Cutting-Interessenten aus Luxemburg an Experten in Deutschland. Dort und auch in der Schweiz wird der Körperschmuck immer beliebter.

30 Cuttings pro Woche

«Pro Jahr machen wir rund 30 Cuttings», sagt Christian Schmalholz, Geschäftsführer von Stechwerk Tattoo und Piercing, das in Zürich und Winterthur ein Studio führt. Tony Fenu, Geschäftsführer eines 2ndSkin Tattoo & Piercing Studios, erhält in der Woche bis zu 15 Anfragen. «Vor allem kleine Dinge wie Röschen und Diamanten an Wade oder Unterarm sind beliebt», sagt Fenu. Danny, Geschäftsführer von Rock the Body in Baden, stellt fest: «2004 war das Cutting in der Tattoo-Szene noch ein Tabu. Jetzt ist es schon fast Mainstream.» Die Nachfrage habe sich in den letzten Jahren verdoppelt.

Heilungsprozess schreckt ab

Beim Berner Piercing- und Tattoostudio El Mundo heißt es, dass die Angestellten noch häufiger zum Skalpell greifen könnten, wären die Kunden «mutiger». «Wenn wir erklären, dass der Heilungsprozess langsamer und schmerzhafter ist als bei einem Tattoo, überlegen es sich einige Kunden anders», sagt Inhaber Mathias Schranz. Oliver Ané vom Basler Ableger fällt auf, dass sich mehr Männer als Frauen cutten lassen. «Das liegt wohl daran, dass Narben bei einem Mann als cooler gelten als bei einer Frau», vermutet er.

Für die Studiobetreiber ist klar, warum sich die Kunden freiwillig unters Messer legen. «Sie wollen sich von anderen abheben», sagt Schranz. Auch die geschockten Reaktionen der Betrachter könnten eine Motivation sein. Andere wiederum fühlten sich durch den Schmerz «lebendiger» und «vom Stress befreit». Oliver Ané glaubt, dass der Reiz in der Unvergänglichkeit liegt. «Heute kann man alles Materielle verlieren und selbst Tattoos entfernen. Eine Ziernarbe kann mir aber niemand mehr wegnehmen», sagt er.

So sieht ein ausgeheiltes Narben-Tattoo aus

Parlamentarier trägt Cutting

Den Körperschmuck tragen vor allem 20- bis 50-Jährige. «Unsere Kunden reichen vom Straßenwischer über den Banker bis hin zum Millionär», sagt Ané. Auch ein Schweizer Parlamentarier soll ein Cutting tragen. «Die Ziernarben sind vor allem bei Leuten beliebt, die nach außen einen seriösen Eindruck machen wollen», sagt Schranz. Deshalb würden sie ein Cutting auf der Brust oder dem Rücken knalligen Tattoos an den Armen vorziehen.

Laurence Imhof, Fachärztin Dermatologie an der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich, bezeichnet das Cutting als risikoreich. «Wird nicht unter absolut hygienischen Bedingungen gearbeitet, besteht eine große Infektionsgefahr», sagt Imhof.

Außerdem warnt sie vor wulstiger, überschießender Narbenbildung, die Juckreiz und chronische Schmerzen verursachen kann. Laut Imhof kann sich in seltenen Fällen gar ein weißer Hautkrebs entwickeln, wenn eine Narbe ständig irritiert wird. Auch sei möglich, dass durch die Skarifizierung bestimmte Hauterkrankungen wie eine Schuppenflechte ausgelöst werden können. (L'essentiel)

(L'essentiel)

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